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Übungsszenario aus der Hölle Biowaffen-Angriff fordert GSG 9 heraus

"Der beim Zugriff verletzte Verdächtige zeigt Krankheitssymptome."

"Der beim Zugriff verletzte Verdächtige zeigt Krankheitssymptome."

(Foto: dpa)

Auf einem Gelände der Bundespolizei in Berlin spielen sich furchterregende Szenen ab: Angetan mit Atemschutzmasken stürmen Spezialkräfte die Wohnung eines Verdächtigen. Hintergrund des ungewöhnlichen Einsatzes ist eine großangelegte Übung.

Mit einer in Deutschland bislang einmaligen Übung probt die Polizei in Berlin den Großeinsatz bei einem Terroranschlag mit biologischen Waffen. Bei dem Test mit mehr als 300 Teilnehmern geht es besonders um die Zusammenarbeit der Landes- und Bundespolizei mit Amtsärzten der Gesundheitsämter und den Seuchenexperten vom Robert Koch-Institut.

Beteiligt sind auch das Spezialeinsatzkommando GSG 9 und mehrere Krisenstäbe in Ministerien sowie auch verschiedene Rettungsdienste, Fachleute der Feuerwehr und zahlreiche Statisten. Teil der dreitägigen Übung ist ein simulierter Zugriff auf eine Wohnung von "Terroristen". Bei dem Testlauf spielen Sicherheitskräfte und Behörden einen Großeinsatz nach einem Terroranschlag mit biologischen Gefahrenstoffen durch.

Codename "Wunderbaum"

Ein solcher Angriff mit biologischen Waffen, also etwa Seuchen auslösenden Bakterien oder hochansteckenden Viren, gilt neben Terroranschlägen mit Nuklearmaterial oder Giftgas als eines der Horrorszenarien aus dem Katalog der sogenannten ABC-Abwehr.

Der Berliner Übung gingen umfangreiche Vorbereitungen voraus: Unter dem Codewort "Wunderbaum" hatten die beteiligten Behörden teils seit zwei Jahren an den Details gearbeitet. Neben den 300 Übungsteilnehmern vor Ort sind auch 80 nationale und internationale Sicherheits- und Gesundheitsexperten vertreten, darunter auch Abgesandte der US-Bundespolizei FBI und von europäischen Polizeibehörden.

Vorlage für deutsche Terrorabwehr

Extra eingesetzte "Schiedsrichter" halten die Abläufe im Blick: Das Vorgehen der Einsatzkräfte wird Schritt für Schritt beobachtet und für die spätere Analyse protokolliert. Eine Kamera-Drohne schwebt über dem großen Übungsgebiet, um alles im Bild festzuhalten. Für die Auswertung aller Daten ist ein gutes halbes Jahr vorgesehen. Die Ergebnisse des Testlaufs von Berlin sollen dann auch als Vorlage für andere Bundesländer dienen.

Im Mittelpunkt des Tests stehen der Schutz der Bevölkerung und die Abwehr der Terroristen. Es geht um Absprachen zwischen der Polizei und den Ärzten, die verschiedene Prioritäten und Interessen hätten, wie Berlins Innensenator Andreas Geisel und Gesundheitssenatorin Dilek Kolat bei einem Pressetermin erklärten. "Es gibt viele, viele Schnittstellen. Keiner kann allein die Lage bewältigen."

Der Name "Wunderbaum" kommt nicht von ungefähr: Der Titel der Übung bezieht sich auf eine Pflanze, deren Samenschalen Rizin enthalten. Der gefährliche Giftstoff spielt in dem Horrorszenario, das sich die Übungsleiter ausgedacht haben, eine zentrale Rolle.

Realitätsnahes Horrorszenario

Konfrontiert wurden die Teilnehmer der Übung mit folgender Ausgangslage: Tage nach einer Fotoausstellung zu muslimischen Sportlern mit 200 geladenen Besuchern erkranken mehrere Menschen schwer. Drei Personen sterben. Ärzte stellen als Ursache gefährliche Pestbakterien und das tödliche Gift Rizin fest.

Ortstermin im Dekontaminationszelt: Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (M.) und Innensenator Andreas Geisel (r.).

Ortstermin im Dekontaminationszelt: Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (M.) und Innensenator Andreas Geisel (r.).

(Foto: dpa)

Nach ersten Ermittlungen, so heißt es im Übungsszenario weiter, gehe die Polizei von einem terroristischen Anschlag mit islamistischem Hintergrund aus. Über Fingerabdrücke können Ermittler einen Verdächtigen identifizieren.

GSG 9 im Übungseinsatz

Im Laufe der Übung müssen schwer bewaffnete Mitglieder der Anti-Terror-Einheit GSG 9 die Wohnung des Mannes stürmen. Aufgrund der Umstände müssen sie dabei äußert vorsichtig vorgehen und unter anderem auch Atemschutzmasken tragen. In der Wohnung stoßen sie dann tatsächlich auf ein improvisiertes Labor - und auf einen "Toten", offenbar ein Opfer der eigenen Seuchenexperimente.

Um die Übung so lebensnah wie möglich zu gestalten, haben die Beamten extra einen Rohbau in der Polizeiübungsstadt Ruhleben im Westen Berlins umdekoriert. Beim Zugriff in der Wohnung wird laut Übungsanleitung einer der "Täter" angeschossen. "Der beim Zugriff verletzte Verdächtige zeigt Krankheitssymptome", heißt es im Einsatz-Twitterkanal der Berliner Polizei. "Für alle Einsatzkräfte ist höchste Vorsicht geboten."

Was ist zu tun? Kriminaltechniker untersuchen die Wohnung - ebenfalls unter Vollschutz. Parallel dazu versuchen Experten, so schnell wie möglich herauszufinden, wie viele Personen mit dem biologischen Gefahrenstoff in Kontakt kamen. Schließlich könnten die gefundenen Substanzen hochansteckende Krankheiten auslösen.

Spezialzelte zur Dekontaminierung

Amtsärzte und Seuchenspezialisten des Robert Koch-Instituts kümmern sich umgehend um die 200 "Besucher" der Ausstellung, um sie mit Gegenmitteln zu versorgen. Die "Nachbarn" der Terroristen-Wohnung werden ebenfalls untersucht und unter Umständen isoliert, um eine Verbreitung der Seuche zu verhindern.

Feuerwehrleute in Schutzanzügen stellen nahe der fingierten Wohnung der "Terroristen" Zelte zur Dekontaminierung von möglicherweise infizierten Menschen auf. Den ganzen Tag informierte die Polizei die Öffentlichkeit über den Ablauf der Übung per Mitteilungen und Fotos in ihrem Twitterkanal. Der Abschluss der Übung ist für diesen Donnerstag geplant.

Quelle: n-tv.de , mmo/dpa

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