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Abschiedsgrüße von Deep Purple "Wir haben tierisch die Hosen voll"

Haben sich schon mal für eine lange Abschiedsreise eingekleidet: Deep Purple.

Haben sich schon mal für eine lange Abschiedsreise eingekleidet: Deep Purple.

(Foto: Jim Rakete / Edel Germany GmbH)

Als Black Sabbath vor wenigen Wochen in ihrer Heimatstadt Birmingham zum letzten Mal die Korken knallen ließen, schwelgten Ü-40-Rock-Fans wehmütig in Erinnerungen. Was waren das noch für Zeiten, als die Charts von gestandenen Sex-Drugs-And-Rock-And-Roll-Kollektiven angeführt wurden. Bands wie Black Sabbath, Kiss und AC/DC hielten in den Siebzigern nahezu jedem Angriff aus genrefremden Branchen stand. Auch Deep-Purple-Poster hingen einst en masse an den Wänden zigtausender Jugendzimmer in der ganzen Welt.

Nun scheinen sich aber auch die "Smoke On The Water"-Urheber so langsam aber sicher in Richtung Rock’n’Roll-Walhalla zu verabschieden. Bevor der letzte lila Drops jedoch gelutscht ist, wollen die Herren Paice, Gillan, Glover und Co noch einmal so richtig einen draufmachen. Soll heißen: Deep Purple-Fans dürfen sich auf ein neues Studioalbum ("inFinite"), eine Kino-Dokumentation ("From Here To inFinite") und eine lange Abschiedstour ("The Long Goodbye Tour") freuen. Mit Blick auf die letzten drei großen Deep Purple-Ausrufezeichen sprach n-tv.de mit Schlagzeug-Legende und Ur-Mitglied Ian Paice über imaginäre Gehhilfen, spirituelle Oha!-Momente und das nahende Ende des großen Ganzen.

n-tv.de: Ian, du warst in den vergangenen 50 Jahren an etlichen Studioproduktionen beteiligt. Nun erscheint dieser Tage das vermeintlich letzte Deep Purple-Album mit dem Titel "inFinite". Wie fühlt sich das an?

Ian Paice: Das kann man nur schwer beschreiben. Zum einen macht es mich natürlich traurig. Ich meine, wenn man fünfzig Jahre für eine Sache gelebt hat, dann lässt einen das bevorstehende Ende schon ganz schön im Regen stehen. Auf der anderen Seite haben wir uns aber auch ein extra dickes Abschiedspaket ans Bein gebunden. So haben wir noch genug Zeit, um uns mit dem Gedanken an das Ende der Band anzufreunden. (lacht)

n-tv.de: Das "Abschiedspaket" umfasst ein Album, eine Kino-Dokumentation und eine Tournee. Welches dieser drei Ausrufezeichen ist deiner Meinung nach das dickste?

Auch wenn alle drei Dinge miteinander verwoben sind, steht doch jedes für sich allein. Das Album und der dazugehörige Film sind momentan natürlich etwas präsenter, ganz klar. Mit der Tour beschäftigen wir uns, wenn es so weit ist.

Das Album heißt "inFinite" und klingt in meinen Ohren wie ein Greatest-Hits-Album - allerdings mit durchgehend neuen Songs. Mich beeindruckt vor allem Ian Gillans Stimme. Wüsste ich es nicht besser, würde ich sagen: Da singt ein Dreißigjähriger.

Oh, das wird er gerne hören. Aber es stimmt. Ian merkt man am wenigsten an, dass wir mittlerweile alle mit einem Rollator ins Studio stolpern. (lacht)

Video

Dort begrüßte euch ein gewisser Bob Ezrin (Kiss, Lou Reed, Pink Floyd), mit dem ihr bereits vor vier Jahren ("Now What?!") zusammengearbeitet habt. Bob ist ebenfalls nicht mehr der Jüngste. Alt und alt gesellt sich gern?

Ja, da ist wohl was dran. Mit einem wie Bob erübrigt sich jede musikalische Anamnese. Der weiß, wie der Hase läuft, und wie ein Deep-Purple-Album klingen muss, damit am Ende alle glücklich und zufrieden sind.

Apropos glücklich und zufrieden: Wie gefällt dir eure Kino-Dokumentation "From Here To inFinite"?

Nun, viel wichtiger ist doch die Frage: Wie gefällt sie dir?

Sie lässt das große Ganze in hellem Glanz erstrahlen. Die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft: Alles findet seinen Platz.

So empfinde ich es auch. Schön, dass die Atmosphäre und der Spirit, die ein großer Bestandteil des Ganzen waren, auch außerhalb des Band-Inneren wahrgenommen werden. Das freut mich sehr. Weißt du, wir haben schon so oft irgendwo Kamerateams dabei gehabt. Aber wir haben ein Projekt noch nie so intensiv begleiten lassen. Das war selbst für uns alte Haudegen etwas Neues.

Das Beste zum Schluss?

Sozusagen. Der Film ist aber nicht nur etwas Besonderes, weil er einen noch nie da gewesenen Einblick in unsere Studioarbeit gewährt. Er zeigt, was für eine besondere Band Deep Purple waren, sind und in den nächsten zwei oder drei Jahren hoffentlich auch noch sein werden. In dem Film steckt so viel Nähe, so viel Liebe und Freundschaft drin. Man mag gar nicht glauben, dass wir uns hin und wieder auch mal tierisch gegenseitig auf die Nerven gehen. (lacht)

Während des Films schwelgt ihr auch immer wieder gerne in Erinnerungen. Es gibt beispielsweise einige lustige und berührende Kameramomente mit Jon Lord zu sehen. Wie sehr fehlt er dir?

Jon hat eine Lücke hinterlassen, die niemand schließen kann. Er war der Gentleman in der Band. Und er war mit Abstand der Witzigste von uns allen. Er hatte immer einen lustigen Spruch auf den Lippen. Ich kann mich noch an den Moment erinnern, als ich ihm das letzte Mal in die Augen sah. Diese Erinnerung schmerzt auch heute noch. Da war kein Leben, keine Energie und kein Kampfeswillen mehr in seinem Blick. Er hatte mit allem abgeschlossen. Aber ich denke, er ist mit einem guten Gefühl von uns gegangen. Dieses "Wissen" hat uns viel Kraft gegeben. Wer weiß, wie sich die Dinge mit der Band sonst entwickelt hätten.

Nach Jons Tod stand demnach alles auf der Kippe?

Es wurde nie ausgesprochen. Aber da war schon eine große Leere. Kurz nach dem alle in der Band Bescheid wussten, saßen wir zusammen und starrten Löcher in die Decke. Minutenlang war es mucksmäuschenstill. Niemand sagte ein Wort. Roger war der erste, der den Kopf hob und sagte: Hey Leute, wisst ihr noch, als Jon … Und dann kramte er eine der vielen lustigen Geschichten hervor. Von da an, war Jon irgendwie wieder bei uns. Das lässt sich nur ganz schwer beschreiben. Aber man spürte seinen Geist im Raum. Wir lachten dann ganz viel, und der Raum füllte sich mit spiritueller Energie. Ich will gar nicht zu sehr ins Detail gehen, sonst hältst du mich noch für durchgeknallt. Aber da war plötzlich eine Energie präsent, die dem großen Ganzen wieder Leben einhauchte.

Das Album "inFinite" ist ab dem 7. März erhältlich.

Das Album "inFinite" ist ab dem 7. März erhältlich.

(Foto: Edel Germany GmbH)

Nach dem Album und dem Film folgt die Tour.

Oh ja, die Tour. (lacht) Das wird noch einmal eine richtige Herausforderung.

Hand aufs Herz: Habt ihr das Datum für den ultimativen letzten Showdown schon im Hinterkopf?

Nein. Und ich sage dir auch warum. Dieser Tag macht uns allen Angst. Wir haben tierisch die Hosen voll. Ich meine, wir wissen, dass er kommen wird. Und wir wissen auch, dass er bald kommen wird. Aber wir reden nicht darüber. Es ist nicht so, dass wir danach nicht wissen, wovon wir leben sollen. Wir haben mit der Band genug Geld verdient. Das würde wahrscheinlich auch noch für ein weiteres Leben reichen. Es ist nur so, dass wir uns ein Leben ohne Deep Purple nicht vorstellen können. 50 Jahre kann man nicht einfach so wegwischen. Also, was machen wir? Wir buchen die Tour-Termine so, dass wir mindestens zwei Jahre unterwegs sein werden. Bis dahin sollte die Angst hoffentlich verflogen sein. (lacht)

Mit Ian Paice sprach Kai Butterweck

Das Album "inFinite" bei Amazon bestellen oder bei iTunes downloaden

Quelle: n-tv.de

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