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Happy Birthday, Iggy Pop! Für eine Handvoll Erdnussbutter

Lebende Legende - ein Grund zum Feiern!

Lebende Legende - ein Grund zum Feiern!

(Foto: dpa)

Proto-Punk und Bowie-Buddy, Garagenrocker und Junkie, Philosoph und Freigeist - einer wie James Osterberg wird heute nicht mehr gebaut. Umso unglaublicher daher: Iggy Pop wird 70 Jahre alt. Zum Ehrentag kommt auch Jim Jarmuschs "Gimme Danger" in die Kinos.

"Are you hungry?", fragt Karl Dall. "No, I'm just in good shape, Baby", antwortet Iggy Pop. Und klopft dem Dall freundlich auf die Plautze. Die Szene stammt nicht etwas aus Jarmuschs neuem Film "Gimme Danger", sie ist vielmehr eine lange Zeit verschollene Preziose aus einer "Harald Schmidt Show", irgendwann im Jahre 1996. Seit letztem Jahr, einem unbekannten Perlentaucher sei Dank, ist das gute Stück via YouTube wieder verfügbar.

Iggy und Band haben sich gerade live im Studio durch "Heart is Saved" des damals aktuellen Albums "Naughty Little Doggie" gerockt, der Sänger wie gewohnt mit nacktem Oberkörper, dazu eine fast durchsichtige Plastikhose, die das Pop'sche Gemächt mehr als nur erahnen lasst. Mit "Kaffee, Brötchen, ein bisschen Speck und Quark bitte!" bestellt Iggy anschließend mit den Deutsch-Kenntnissen aus seiner Berliner Zeit ein "kleines Frühstück" bei Herrn Schmidt. Dall lächelt amüsiert, das Publikum döst zwischen gelangweilt und konsterniert.

Ein Filmfetzen, der auf wunderbare Weise noch einmal daran erinnert, dass "The Ig" auch in der Zeit vor seiner Quasi-Wiederentdeckung und Heiligsprechung in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren, in den Tiefen der 90er, alles andere als abwesend, sondern vielmehr auch in krudesten Konstellationen hoch-oktanisch präsent war.

Wenn Iggy kriecht und springt

Als James Newell Osterberg wird Pop am 21. April 1947 in Muskegon, Michigan, geboren. Er wächst in einer Wohnwagen-Siedlung auf, die Eltern räumen irgendwann das Schlafzimmer, damit Sohnemann genug Platz hat, um seinem Hobby nachzugehen: Little James trommelt für sein Leben gern und seine Schlafkemenate ist zu klein für das Drumkit. Seine erste Band sind die Iguanas - aus dieser Zeit stammt sein Spitzname Iggy, später gibt es noch die Prime Movers. Mit den Gebrüdern Asheton schließlich, Ron an der Gitarre und Scott am Schlagzeug, gründet er 1967 The Psychedelic Stooges, später verkürzt auf The Stooges, nicht ohne artig bei den Machern der namensinspirierenden TV-Serie "The Three Stooges" um Erlaubnis zu bitten.

Still in a good shape.

Still in a good shape.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Die Band versucht sich an Garage Rock und schnellem Blues, mit übersichtlichem Erfolg. Als Iggy die Doors live sieht, adaptiert er den Stil von Jim Morrison und treibt ihn mit einer Art überspitzter Comic-Version auf die Spitze: Iggy wälzt sich in Scherben, kriecht auf der Bühne wie eine Echse aus einem Bild von Hieronymus Bosch, schmiert sich mit Erdnussbutter ein und springt ins Drumkit, als gäbe es kein Morgen. Der Rest ist Geschichte und soll an dieser Stelle gar nicht erst aufgerollt werden, vieles davon, mit Augenmerk auf die Historie der Stooges, hat Filmemacher Jim Jarmusch jetzt aufgearbeitet.

"The Ig", damals wie heute.

"The Ig", damals wie heute.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Ein Tier wie kein zweites

"Gimme Danger" nennt er seinen neuen Film nach einem Song der Band vom legendären Album "Raw Power" (1973) und auch, wenn das alles unterm Strich vielleicht doch gar nicht so gefährlich erscheint, wie im Titel gefordert, so bietet die gut zweistündige Dokumentation nicht weniger als einen zutiefst unterhaltsamen Querschnitt durch die Geschichte der Stooges - jener Band, die so ziemlich alles von den Pistols und den Damned über Nirvana und Motörhead bis zu Sonic Youth und Green Day geprägt hat. Dabei verzichtet Jarmusch auf die übliche Schar der Big Names, die ihre ganz persönliche Geschichte mit der Band erzählen, nicht einmal Dave Grohl ist dabei und das will schon einiges heißen.

Sein Hauptdarsteller ist, wenig verwunderlich, the man himself, Iggy Pop. Der pult sich tiefenentspannt an den Füßen und führt mit sonorer Stimme durch die Tiefen und Untiefen der Bandgeschichte, von den ersten Shows und dem Durchbruch über die Abschiede von Weggefährten bis hin zur Aufnahme in die Rock'n'Roll-Hall of Fame und die diversen Reunions.

Typischer Hüftschwung eines Osterbergs.

Typischer Hüftschwung eines Osterbergs.

(Foto: imago/United Archives International)

Der Film gerät dabei zu einer solide umgesetzten Rückschau, die, abgesehen von einigen grafischen Spielchen und Einblendungen, sich nicht allzu viel Zeit nimmt für optischen Schnickschnack oder abseitige Ideen. Zudem stimmen die Koordinaten: Jarmusch und Pop kennen sich von diversen gemeinsamen Arbeiten ("Dead Man", "Cigarettes & Coffee"), das Archivmaterial ist umfassend und Iggy eh der beste Erzähler dieser knalligen Rock'n'Roll-Fabel. Was hätte also schiefgehen sollen?

Ein augenzwinkernder Kniff, dass Jarmusch für seine Wort-Einblendungen und Credits die Typografie des Comic-Klassikers "Tales from the Crypt" verwendet. Es sind in der Tat - und das wird dem Zuschauer beim Anblick der Bildermontage mit all den längst verstorbenen Protagonisten dieser Punkrock-Odyssee noch einmal gewahr - Geschichten aus der Gruft. Last Man Standing: James Newell Osterberg.

Und auch ungeachtet der gelichteten Reihen, aus denen sich in jüngster Vergangenheit Bowie, Prince, Lemmy und all die anderen verabschiedet haben, gilt es Herrn Pop nicht nur anlässlich seines 70. Geburtstags angemessen hochzuleben. 

Es ist an der Zeit, ein Tier zu feiern, wie es so gebaut kein zweites gibt: den Osterberger. Happy Birthday, Iggy Pop!

"Gimme Danger" von Jim Jarmusch läuft am 27. April in den deutschen Kinos an.

Quelle: n-tv.de

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