Kino

Der Geniestreich "Whiplash" Peitschen Sie den Schlagzeuger!

Von Markus Lippold

"Whiplash": Das Schlagzeugspiel von Andrew (Miles Teller) wird argwöhnisch von seinem Lehrer Fletcher (J.K. Simmons) betrachtet.

"Whiplash": Das Schlagzeugspiel von Andrew (Miles Teller) wird argwöhnisch von seinem Lehrer Fletcher (J.K. Simmons) betrachtet.

(Foto: 2014 Sony Pictures Releasing GmbH)

Einen Musikfilm, der sich wie eine Kriegsfilm anfühlt, wollte Regisseur Chazelle machen. Und so lässt er einen Schlagzeug-Schüler gegen einen tyrannischen Lehrer antreten. Schweiß rinnt und Blut spritzt in dem großartigen Film "Whiplash".

Es gibt jede Menge Musikfilme. Von Komödien wie "This is Spinal Tap" über Konzertfilme und Musicals bis zu Star-Vehikeln mit Elvis Presley oder den Beatles. Nur selten aber gehen Musik und Film, gehen Töne und Bilder dabei eine so enge Verbindung ein, dass das Beste aus beiden Kunstformen eine Synthese ergibt.

"Whiplash", der nun ins Kino kommt, gehört in diese Kategorie. Und man geht nicht zu weit, wenn man das Drama bereits jetzt zu den besten Filmen des Jahres zählt. So intensiv sind die Darsteller, so atmosphärisch sind die Bilder, so treibend, verausgabend ist der Beat.

Oft zieht sich Andrew zurück, um noch härter an seinem Spiel zu arbeiten.

Oft zieht sich Andrew zurück, um noch härter an seinem Spiel zu arbeiten.

(Foto: 2014 Sony Pictures Releasing GmbH)

Schläge im kargen Raum

Beat und Rhythmus sind entscheidende Dinge im Leben von Andrew Neiman (Miles Teller). Der Schlagzeuger studiert an einer der besten Musikschulen der Welt in New York. Wie hart er an sich arbeitet, zeigt bereits die erste Einstellung: Langsam bewegt sich die Kamera durch einen Gang. Man hört den rhythmischen, hallenden Lärm eines Schlagzeugs, dem man sich kaum entziehen kann. Dann sieht man Andrew, der in einem kargen Raum sitzt und wie ein Besessener übt.

So karg wie der Raum ist auch sein Leben. Abgesehen von gelegentlichen Kinobesuchen mit seinem Vater dreht sich bei Andrew alles um seine Drums. Darum, noch besser zu werden, noch perfekter. Der legendäre Jazz-Schlagzeuger Buddy Rich ist sein Vorbild. Ihm gleichzukommen ordnet er alles andere unter, selbst ein Date mit der Frau, in die er verliebt ist.

Dann wird er von Terence Fletcher (J.K. Simmons) im Probenraum gesehen. Der Dozent leitet die Studioband der Schule. Wer in diese aufgenommen wird, wer von Fletcher akzeptiert wird, hat die Chance entdeckt zu werden und Karriere zu machen. Doch das mit der Akzeptanz ist so eine Sache: Fletcher ist herrisch, er ist ein Choleriker, der seine Schüler tyrannisiert und zu immer neuen Bestleistungen zwingen will.

Andrews Obsession belastet auch die Beziehung zu Nicole (Melissa Benoist).

Andrews Obsession belastet auch die Beziehung zu Nicole (Melissa Benoist).

(Foto: 2014 Sony Pictures Releasing GmbH)

Blutige Hände, fliegende Stühle

Regisseur und Drehbuchautor Damien Chazelle (der selbst Schlagzeug spielte) lässt fortan die beiden Charaktere aufeinanderprallen: den Schüler, der sich verausgabt, der sich seine Hände blutig spielt, der sich mit seiner Familie überwirft - und den Lehrer, der Stühle wirft, seine Schüler als Tunten und Schwanzlutscher beschimpft, der diktatorisch jeden Ton bewertet, jeden Fehler drakonisch bestraft (siehe dazu den Clip rechts).

Die sich immer weiter zuspitzenden Auseinandersetzungen zwischen Andrew und Fletcher folgen einem eigenen Beat - dem von Kriegslärm. Schließlich war es Chazelles erklärtes Ziel, einen Film über Musik zu machen, der sich wie ein Kriegsfilm anfühlt, in dem Instrumente die Funktion von Waffen übernehmen und Worte so verletzend sind wie Schusswunden.

Instrumente und Worte bestimmen gleichermaßen den Rhythmus des Films. J.K. Simmons liefert dabei die Leistung seines Lebens ab als Dozent, der dem Ausbilder aus "Full Metal Jacket" gleicht. Völlig zu Recht wurde er mit dem Golden Globe und Dutzenden weiteren Preisen ausgezeichnet sowie für einen Oscar nominiert - als bester Nebendarsteller. Dabei trägt Simmons den Film zu einem guten Teil. Aber vielleicht hat er so bessere Chancen, den Academy Award verdientermaßen in Empfang zu nehmen.

Miles Teller, der demnächst als Mr. Fantastic in der Neuauflage der "Fantastischen Vier" zu sehen sein wird, bietet ein starkes Gegengewicht. Seine Figur ist ruhiger angelegt, doch er entwickelt im Laufe des Films eine ungemeine physische Präsenz, die die Bilder immer mehr dominiert, bis zum großartigen Schlussduell mit Fletcher.

Fletcher ist bei seinen Schülern wegen seiner brutalen Methoden gefürchtet.

Fletcher ist bei seinen Schülern wegen seiner brutalen Methoden gefürchtet.

(Foto: 2014 Sony Pictures Releasing GmbH)

Gegen den Casting-Wahn

Diese Physis beeinflusst auch sein kraftvolles, eigens für den Film erlerntes Schlagzeugspiel, das von Regisseur Chazelle in allen Nuancen in Szene gesetzt wird - wie er überhaupt immer wieder sehr zärtliche und atmosphärische Bilder findet, die die harten Drum-Schläge auffangen. Vor allem sieht man jedoch die Studioband bei Proben und bei Auftritten - oft spielen sie dieselben Stücke, etwa den Jazz-Standard "Caravan". Langweilig wird es jedoch nicht, weil die beiden Hauptdarsteller über die Musik hinaus ein psychisches Duell ausfechten, mit Blicken, mit Gesten und Bewegungen.

Der Filmtitel "Whiplash" bezieht sich auf einen Jazz-Song von Hank Levy. Das Wort bedeutet aber auch Peitschenriemen und ist damit zugleich Symbol für die rüden Methoden von Fletcher, dem nichts verhasster ist als der Ausdruck "gut gemacht". Er rechtfertigt seine Methoden mit einer (im Film falsch dargestellten) Anekdote über Jazz-Genie Charlie "Bird" Parker. In der Hoffnung, einen neuen Star zu entdecken, treibt er seine Schüler zu Höchstleistungen an. Statt um den Gute-Laune-Aspekt von Musik geht es in "Whiplash" um Ängste, um Leidenschaft, Exzess und harte Arbeit. Das waren schon immer Elemente der besten Musikfilme.

"Whiplash" läuft ab dem 19. Februar in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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