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Petra Volpes "Göttliche Ordnung" "Auch Männer sind Opfer des Patriarchats!"

In Petra Volpes erstem Spielfilm "Traumland" ging es um Prostitution. Das Thema von "Die göttliche Ordnung" ist ebenfalls ernst - aber mit Humor erzählt.

In Petra Volpes erstem Spielfilm "Traumland" ging es um Prostitution. Das Thema von "Die göttliche Ordnung" ist ebenfalls ernst - aber mit Humor erzählt.

(Foto: Nadja Klier)

Wählen dürfen Frauen in der Schweiz erst seit 1971. Das ist ein Skandal - und Stoff für einen Film, der mehr anregt als urteilt. Regisseurin und Drehbuchautorin Petra Volpe hat mit n-tv.de über "Die göttliche Ordnung" gesprochen und erklärt, wieso auch Männer von Gleichberechtigung profitieren.

n-tv.de: Es ist fast ein halbes Jahrhundert her, dass die Schweizer Frauen das Wahlrecht erhielten. "Die göttliche Ordnung" handelt genau davon, aber es fühlt sich nicht an, als gucke man da gerade einen Historienfilm. Woran könnte das liegen?

Petra Volpe: Gleichberechtigung ist einfach ein Thema, das noch nicht abgeschlossen ist. Dass es allerdings so aktuell werden würde, damit haben wir nicht gerechnet, als wir vor fünf Jahren begonnen haben, den Film zu machen. Trump in Amerika, die rechten Bewegungen in Europa - sie alle wollen Frauen zurück an den Herd schicken. Wenn eine Gesellschaft konservativer oder rechter wird, werden Frauenrechte immer zuerst angegriffen.

Dabei wurde ja eigentlich schon vor Jahrzehnten Geschlechtergerechtigkeit verkündet …

Viele Frauen meiner Generation - mich nicht eingeschlossen -  haben lange gesagt: "Wir sind keine Feministinnen. Wir brauchen das nicht mehr." Heute ist es evident, dass das nicht stimmt. Gewisse Gesetze haben sich verändert. Trotzdem gibt es nicht mehr Frauen in der Politik, in den Chefetagen und übrigens auch nicht vor oder hinter der Kamera. Es muss ein Umdenken stattfinden. Da ist definitiv noch nicht genug passiert.

Wieso ist es im Zuge dessen wichtig, den Blick in der Geschichte zurückzurichten?

Frauen sind ja praktisch abwesend in der Geschichtsschreibung. Zu wissen, wann das Frauenwahlrecht in der Schweiz eingeführt wurde, gehört zur Allgemeinbildung. Dass es so spät kam, ist im internationalen Vergleich irre beschämend für die Schweiz. Deswegen wurde schön unter den Teppich gekehrt, was das über eine Gesellschaft aussagt. Ich habe in der Schule über die Schlacht von Morgarten gelernt, aber nichts über die hundertjährige Frauenbewegung in der Schweiz. 

Für Ihren Film haben Sie eine Hauptfigur gewählt, die genau diese Bewegung wohl nicht wesentlich mitgestaltet hätte. Sie lebt auf dem Land. Wieso haben Sie sich für dieses Setting entschieden?

Genau solche Frauen müsste die Bewegung ja erreichen. In den 70er-Jahren gehörten sehr viele Studentinnen und Intellektuelle der Frauenbewegung an. Auf dem Land ist fast nichts davon angekommen. Das ist leider bis heute so. Ich wollte von einer Frau erzählen, die eine Entwicklung durchmacht. Sie steht mitten im Leben, sie ist kein Opfer. Und doch bemerkt sie plötzlich, wie sehr das Private mit dem Politischen zu tun hat.

Als seine Frau Nora (Marie Leuenberger) politisch wird, muss Hans (Maximilian Simonischek) in "Die göttliche Ordnung" erstmal ganz schön schlucken.

Als seine Frau Nora (Marie Leuenberger) politisch wird, muss Hans (Maximilian Simonischek) in "Die göttliche Ordnung" erstmal ganz schön schlucken.

(Foto: Alamode Film)

Ihr Ehemann verbietet ihr, zu arbeiten.

Und sie wird innerhalb ihrer kleinen Welt zur Heldin. Sie stellt sich vor die Gemeinde hin und sagt: "So nicht, ich will was anderes!" Das ist für eine ganz normale Hausfrau ein riesiger politischer Akt - einer, den auch heute noch jede Bürgerin und jeder Bürger vollziehen kann. Jeder kann in seiner Community oder in seiner Familie für etwas einstehen oder gegen etwas kämpfen. Im weiteren Sinne geht es dabei um Demokratie, um Zivilcourage und um Solidarität.

Interessanterweise spielt in Ihrem Film nicht nur die Solidarität unter Frauen, sondern auch unter Frauen und Männern eine entscheidende Rolle. 

Auch Männer sind Opfer des Patriarchats. Sie leiden genauso wie Frauen unter sozialen Normen. Als Filmemacherin kann man die Leute aus ihrer Komfortzone locken, indem man sie auf einer emotionalen Ebene aufrüttelt und den Kopf ein bisschen unterwandert. In "Die göttliche Ordnung" geht es etwa nicht um die Unterscheidung zwischen Täter und Opfer. Das schafft Raum für Schmerz und damit auch für ein Bewusstsein hinsichtlich der Ungerechtigkeit. Die Männer im Film, aber auch die männlichen Zuschauer können wirklich nachempfinden, was es für Frauen bedeutet hat, nicht als mündige Bürgerinnen, ja, wie Kinder behandelt zu werden.

In "Die göttliche Ordnung" reagieren die Frauen mit Streik auf Ungerechtigkeit. Streik ist ein radikales Mittel, aber ist es auch ein geeignetes?

Ich finde Streik ein sehr kraftvolles Mittel für eine politische Message. Man muss sich natürlich einigen können. 1991 gab es in der Schweiz einen großen Frauenstreik. Fast eine halbe Million Frauen legten die Arbeit nieder, um gegen die zögerliche Umsetzung des Verfassungsartikels und anhaltende Ungleichheiten in vielen Bereichen von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu protestieren. Da war ich auch dabei. Für mich als junge Frau war das sehr eindrücklich. Aber es kann auch der Streik im Kleinen sein, der was bewegt - keine große Geste, einfach ein Moment der Verweigerung. Die Emanzipation fängt für viele Frauen zu Hause an - mal einfach nicht selbstverständlich die ganze Hausarbeit alleine meistern und sagen: Jetzt reichts mir! Manchmal schätzt man etwas erst, wenn man es nicht mehr hat.

Mit Petra Volpe sprach Anna Meinecke

"Die göttliche Ordnung" startet am 3. August in den deutschen Kinos

Quelle: n-tv.de

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