Essen und Trinken

Pilz gegen Blues Mystisches Objekt der Begierde

Egal, ob der Pilzkorb voll wird: Ein paar Stunden im Wald helfen Körper und Seele .

Egal, ob der Pilzkorb voll wird: Ein paar Stunden im Wald helfen Körper und Seele .

(Foto: imago/Westend61)

So eine Pilzpirsch ist ziemlich erholsam. Das Ergebnis allerdings kann auf den Friedhof führen. War es Mord oder Unfall, als Claudius an giftigen Pilzen starb? Hühnermist dagegen hilft übrigens nicht wirklich, eine Pilz-App aber auch nicht.

Eigentlich kommt doch dieser November-Blues nicht schon Ende September, sonst würde er ja nicht November-Blues heißen! Und bis zur Winter-Depression ist es doch auch noch eine Weile hin! Meinem Ego scheint das alles Wurscht zu sein und es beschert mir jetzt schon kalte Füße und schlechte Laune. Katze Hanni beschränkt Außenaufenthalte auf das Notwendigste und okkupiert lieber den im Sommer verschmähten Hocker vor dem Heizkörper. Ich komme auch in diesem Jahr nicht drumherum: Auch wenn sich ab und zu noch mal die Sonne durchkämpft - die Garten-Monate sind zu Ende und es wird Zeit, wieder in die warme Stadtwohnung umzusiedeln. Im Bungalow sieht es aus wie auf der Flucht, überall stehen schon Taschen und Beutel herum, die ins Auto müssen. Was nun auch nicht gerade für Heiterkeit sorgt.

Jeder Mensch hat sein eigenes Rezept gegen Tristesse, grauen Himmel, Regen und Kälte. Der eine trinkt Wein oder Grog, der andere quatscht mit Freunden, manche joggen oder fahren Rad, wenn’s nicht gerade Strippen regnet. Sie haben sicher eine noch viel bessere Idee. Ich auch: Ich gehe nämlich in die Pilze. Auch bei Regen. Da brechen dann wenigstens nicht so viele Sonntags-Sammler mit Plastikbeuteln durchs Dickicht. Selbst bei mickriger Pilz-Ausbeute bin ich dann weg von der schlechten Laune, wenn ich wieder zu Hause bin. Füße und Rücken tun weh, die Haare triefen, aber im Innern macht sich ein wohliges Glücksgefühl breit. Auch das Wetter meint es inzwischen gut: Es hat aufgehört zu regnen, die Sonne blinzelt und die Nässe im Garten sieht viel freundlicher aus, weil alles glitzert. Geht doch!

Lass mich endlich rein!

Lass mich endlich rein!

(Foto: Driesner)

Wenn auch Sie ein Pilzfreund sind, wissen Sie genau, was ich meine. Zwar ist ein voller Pilzkorb sehr befriedigend, aber allein die Pirsch durch den Wald, Ruhe und frische Luft sind schon die halbe Miete und machen vor allem den Kopf frei. In jeder Hinsicht ein lohnendes Vergnügen! Und ein gesundheitserhaltendes dazu: Japanische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass nach einem einstündigen Waldspaziergang im Blut 50 Prozent mehr weiße Blutkörperchen nachweisbar sind. Zu verdanken haben wir diesen Effekt den Bäumen. Sie produzieren sogenannte Phytonzyden, die sie in die Luft abgeben, um sich vor Keimen zu schützen. Dieses pflanzliche Immunsystem ist auch im Winter aktiv. Gehen wir nun in den Wald, atmen wir diese Schutzstoffe ein, die unsere Leukozyten auf Trab bringen. Und die bekämpfen effektiv körperfremde Keime - sehr zu empfehlen, wenn im Büro der Großteil der Mannschaft schnieft und hustet.

Seit jeher wurden Pilze vom Menschen geschätzt – trotz ihrer mystischen Aura (von wenigen gerade deshalb). Schon bei den steinzeitlichen Jägern und Sammlern gehörten Pilze zum Speiseplan. Im Altertum wurden Kaiserlinge und Trüffel auf das höchste gepriesen, obwohl Pilzvergiftungen an der Tagesordnung waren. So soll schon im 5. Jahrhundert  v. Chr. in Athen der Dichter Euripides Ehefrau, Tochter und zwei Söhne an einem Tag durch giftige Pilze verloren haben. Griechische Naturforscher und Ärzte wie Theophrastos von Eresos (3. Jh. v. Chr.)  oder Nikandros von Kolophon (2. Jh. v. Chr.) sahen sich veranlasst, die Unterschiede zwischen den Pilzen genauer zu untersuchen, denn einerseits setzte man Pilze zu Heilzwecken ein, andererseits aber brachten Pilze Menschen um. Keiner wusste, was Pilze eigentlich sind – nicht Pflanze, nicht Tier. Irgendwann wurden diese "Wesen" den Pflanzen zugerechnet, obwohl sie mehr Tier sind, weil sie fressen. Das blieb über Jahrhunderte so; erst in unseren Tagen bekamen Pilze ihr eigenes Reich in der Organismenwelt.

Brandenburgs Wälder (hier bei Königs Wusterhausen) sind bekannt für ihren Pilzreichtum.

Brandenburgs Wälder (hier bei Königs Wusterhausen) sind bekannt für ihren Pilzreichtum.

(Foto: imago/Hohlfeld)

Aristoteles (384-322 v. Chr.) brachte Pilze mit der "Urzeugung", dem spontanen Entstehen von Leben, in Verbindung. Auch diese Theorie hielt sich über Jahrhunderte. Plinius der Ältere (23 - 79) nannte Pilze eine Geschwulst der Erde, die mit dem Auftreten von Donner in Verbindung steht. Diese Auffassung blieb zum Glück aufs antike Rom beschränkt. Als erster antiker Autor schrieb Plinius über den Einsatz von Pilzen auch als Heilmittel. Zerriebene Baumschwämme sollten gegen Skorpionstiche und Atemnot, Blasensteine und Menstruationsbeschwerden oder bei Schmerzen in der Hüfte und im Rückgrat helfen. Getrocknete Steinpilze wurden gegen Rheuma eingesetzt, allerdings auch gegen Auswüchse am Gesäß und Sommersprossen in Frauengesichtern. Ich würde das ja nicht ausprobieren; bei mir kommen getrocknete Steinpilze ins Gulasch. Und da gehören sie auch hin.

Hühnermist gegen Pilzvergiftung?

In seiner "Naturalis Historia" nannte Plinius weitaus mehr Mittel gegen Pilzvergiftungen als pilzliche Heilmittel. Er empfahl unter anderem Rettich und Schnittlauch, Wein und Weinhefe und selbst Birnen als Gegenmittel. Das alles dürfte sehr wenig geholfen haben! Plinius beschäftigte sich aus gegebenem Anlass eingehend mit den Kennzeichen giftiger Pilzarten: Vor allem in vornehmen römischen Familien waren Pilzvergiftungen recht häufig. Die Kenntnisse der antiken Römer über essbare und giftige Pilze waren nämlich notorisch unterentwickelt. Dennoch gehörten Pilzgerichte zu den wertvollsten Gaumenfreuden der Römer, auch bei ihren berühmt-berüchtigten Fressorgien. Dem Dichter Marcus Valerius Martialis zufolge war es leichter, auf Gold und Silber zu verzichten, als einem Gericht schmackhafter Pilze zu entsagen.

Was in den Korb kommt, sollte jeder Pilzsammler genau kennen.

Was in den Korb kommt, sollte jeder Pilzsammler genau kennen.

(Foto: imago/Bernd Friedel)

Die Zubereitung eines solch kostbaren Gerichts wurde nicht den Sklaven überlassen: Die edlen Herren und Damen bereiteten die Speise als einzige mit eigenen Händen zu, um sich schon während der Handhabung mit Bernsteinmesser und Silbergeschirr im Voraus daran zu weiden, so Plinius. Oder taten sie das eher aus Angst, von den Dienern vergiftet zu werden? So oder so - genutzt hat es wohl nichts, denn letzten Endes vergifteten sie sich selbst. Auch Kaiser Claudius (10 v.Chr. – 54 n. Chr.) starb an einer Pilzvergiftung, da sind sich alle Historiker einig. Uneinig sind sie sich allerdings darüber, ob es Mord war oder ein Unfall, weil nur ein einzelner Giftpilz versehentlich ins Gericht gerutscht war. Ob Tiberius Claudius Caesar Augustus Germanicus sich seine Pilze selbst geschnippelt hatte, dürfte jedoch stark angezweifelt werden.

Plinius widmete der Kennzeichnung von Giftpilzen jedenfalls ein ganzes Kapitel in seiner "Naturalis historia" und beschrieb überdies geeignete Brechmittel, die man nach einer mutmaßlichen Vergiftung sofort einnehmen sollte. Der römische Schriftsteller und Arzt Aulus Cornelius Celsus empfahl um 38 v.Chr. unter anderem Hühnermist gegen Pilzvergiftungen. Sehr befremdlich für uns, obwohl offenbar etwas dran ist am Hühnermist. Im Mittelalter griff auch Paracelsus diese Methode auf, die auf die heilende Wirkung von Schimmel- und Strahlenpilzen zurückgeht. Aber das wusste man damals noch nicht. Ob die Hühnerköttel tatsächlich etwas "bewirkt" haben, außer einen heftigen Brechanfall auszulösen, bezweifle ich stark. Ansonsten würde doch die Pharmaindustrie horrende Summen fürs Einsammeln zahlen - oder?

All das zeigt aber auch den etwas unheimlichen Doppelcharakter von Pilzen auf, der manchen Menschen heute noch Angst einflößt. Angst ist unnötig, Vorsicht und vor allem Kenntnisse sind dagegen sehr angebracht. In den vergangenen Jahrhunderten bekamen die geheimnisvollen Waldbewohner wegen ihrer Mystik noch heute gebräuchliche Namen wie Satanspilz oder Totentrompete. Besonders die Hexenringe waren für die Menschen faszinierend und wurden niemals betreten; ich dagegen freue mich, wenn ich auf einer Wiese große Kreise von Nelkenschwindlingen entdecke. Nicht immer jedoch halten die Pilzkenntnisse mit dem Jagdeifer Schritt.

Hat man Probleme mit seinen Pilzen, sollte der Gang zur nächsten Pilzberatungsstelle selbstverständlich sein. Ins Körbchen und später in die Bratpfanne kommen nur Pilze, die man sicher kennt. Pilze, die man bestimmen will, kommen in einen gesonderten Behälter und werden im Anschluss gemeinsam mit einem Pilzexperten bestimmt. So lernt man immer mehr essbare Arten kennen und wird sicherer in der Bestimmung. Am sichersten ist stets: lieber stehen lassen! Dass das viele nicht tun, zeigt die steigende Zahl von Pilzvergiftungen in diesem Jahr. Das sei in guten Pilzjahren meistens der Fall, sagen Experten in den Giftinformationszentren: Je mehr Pilze wachsen, desto größer ist die Zahl der Vergiftungen. Übrigens: Eine Pilz-App taugt nicht zu einer sicheren Pilz-Bestimmung!

Tschechischer Pilzauflauf Hubnik

Zubereitung:

Die geputzten Pilze in Scheiben schneiden und in der Hälfte der Butter andünsten. Die in der Milch eingeweichten Brötchen ausdrücken. Den Rest der Butter zerlassen, die verquirlten Eier, Pilze, Brötchenmasse, den zerdrückten Knoblauch, Pfeffer, Salz sowie den Grieß dazugeben. Alles gut vermengen. Die Masse in eine gefettete Auflaufform geben, glatt streichen und mit 20 g Butterflöckchen belegen. In der vorgeheizten Herdröhre 25 bis 30 Minuten bei 180 Grad goldbraun backen. Mit gehackter Petersilie bestreuen.

Zutaten (6 Pers):

500 g Mischpilze
80 g Butter plus 20 g
4 Eier
4 Brötchen
3 Knoblauchzehen
2 EL Grieß
1 Tasse Milch
1 Bd Petersilie
Salz, schwarzer Pfeffer aus der Mühle

Viel Erfolg bei der Pilzpirsch wünscht Ihnen Heidi Driesner. Bleiben Sie achtsam! Und natürlich gesund.

Quelle: n-tv.de

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