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Jan Schomburgs Debütroman Wie geht Leben? Und wie der Tod?

Nochmal ein Debütant sein, gefällt dem preisgekrönten Filmemacher Jan Schomburg gut.

Nochmal ein Debütant sein, gefällt dem preisgekrönten Filmemacher Jan Schomburg gut.

(Foto: Gunter Glücklich)

Ein Brief stellt Johannas Leben auf den Kopf: Ist Boris wirklich nach Island geflogen, um sich dort umzubringen? Filmemacher Jan Schomburg präsentiert in "Das Licht und die Geräusche" sein Talent auf Buchseiten.

Warum haben Boris und sie sich nicht geküsst, damals auf der Radtour? Und wieso ist er mit Ana-Clara zusammen? "Wenn ich Ana-Clara lieben kann, wenn ich etwas Liebenswertes an ihr entdecken kann, dann kann ich Boris weiter lieben", beschließt Johanna. Sonst nicht. So einfach ist das.

Johanna ist in dem Alter, "wo Erwachsene schwer einordnen können, ob man schon volljährig ist, oder nicht". Das Alter also, in dem man viele Fragen an die Welt hat. Zum Beispiel, ob es richtig ist, dass die ganze Klasse Marcel ächtet, als rauskommt, dass er sich Timo als Sklaven gehalten hat. Und ist es richtig von Boris, laut über Selbstmord nachzudenken, obwohl man gerade auf einer Party tanzt? Meint er das ernst?

Noch einmal Welpenschutz

"Das Licht und die Geräusche" ist der erste Roman von Jan Schomburg, der bereits preisgekrönte Filme wie "Über uns das All" (mit Sandra Hüller) vorgelegt hat. "Ich glaube, dass es jung hält, Dinge das erste Mal zu machen", meint der 1976 in Aachen geborene Filmemacher im Gespräch mit n-tv.de. "Es ist schön, noch mal den Welpenschutz zu haben."

Aber ist das Schreiben eines Romans wirklich so eine neue Erfahrung für Schomburg, der zuletzt gemeinsam mit Maria Schrader das Drehbuch für den Stefan-Zweig-Film "Vor der Morgenröte" schrieb? "Tatsächlich ist die Arbeit an einem Drehbuch am Ende doch viel technischer", erklärt Schomburg. Es gäbe viel größere dramaturgische und andere Vorgaben. "Man kann nicht einfach eine Szene in Afrika reinschreiben, wenn man Lust hat, es sei denn, man hat das Budget dafür."

Wie viele Menschen habe er eigentlich schon sein ganzes Leben lang einen Roman schreiben wollen, mehrere Prosaversuche seien aber gescheitert. Ein kleiner familiärer Wettstreit hat dann den Ausschlag gegeben, es nochmal zu versuchen: "Als meine Mutter mit "Der halbste Held der ganzen Welt" plötzlich so erfolgreich wurde, dachte ich, wenn meine Mutter so schöne Kinderromane schreibt, dann wollen wir doch mal sehen."

Faszination für Leben und Tod

Dass sich Jan Schomburg zum Glück nicht ganz von seinen Erfahrungen als Drehbuchautor gelöst hat, beweisen die teilweise filmisch anmutenden Szenen in "Das Licht und die Geräusche". Wenn etwa Timo den Schulhof betritt und man den Jungen aus der Vogelperspektive dabei beobachtet, wie er Anschluss sucht. Bekannt ist auch das wiederkehrende Motiv des Selbstmords, der sowohl bei "Über uns das All" als auch bei dem Stefan-Zweig-Film eine Rolle spielt. Denn Johanna erhält einen Abschiedsbrief von Boris: Er ist offenbar nach Island geflogen, um sich umzubringen. Johanna macht sich gemeinsam mit Boris' Eltern und Ana-Clara auf den Weg, um Boris zu finden – auch wenn das eine Schnapsidee ist: "Island ist zwar nach allem was ich weiß, ein kleines Land und alle sind irgendwie verwandt oder so, aber so klein, dass man jemanden, der nicht gefunden werden will, finden könnte, ist es natürlich nicht."

Das Licht und die Geräusche: Roman
EUR 20,00

"So ähnlich wie der Boris in dem Buch habe ich eine Faszination für Ideen, die stärker sind als Biologie", sagt Schomburg. "Und Selbstmord spricht für mich komplett gegen die Biologie." Aber ist das nicht ein zu romantisches Bild vom Selbstmord? "Natürlich gibt es viele Selbstmorde, die unter bestimmten Umständen passieren und etwa auf schwere Depressionen zurückzuführen sind. Deshalb ist Romantik nicht das richtige Wort dafür. Ich würde bei Faszination bleiben."

Sich wie 17 fühlen

Wie andere klassische Coming-of-Age-Geschichten dreht sich auch "Das Licht und die Geräusche" um Fragen wie 'Wer bin ich?', 'Wen mag ich?', 'Wer mag mich?'. Aber macht das daraus automatisch einen Jugendroman? "Die Idee, dass die Zielgruppe der Bücher abhängig vom Alter der Hauptfiguren ist, ist in Deutschland relativ spät aufgegeben worden", meint Schomburg. "Erst 'Tschick' oder auch 'Auerhaus' haben das geändert." Er selbst habe sich beim Schreiben keinen konkreten Leser vorgestellt. "Aber mein Vater und meine Ziehtochter haben es beide gelesen und danach gesagt, sie hätten sich wie ein 17-jähriges Mädchen gefühlt", lacht Schomburg.

Tatsächlich gelingt es Schomburg die Welt eines Teenagers auf der Schwelle zum Erwachsensein zu erschaffen - mit allen Zweifeln und Fragen, die das Alter mit sich bringt. Und das mit einer besonders schönen, vorurteilsfreien Beschreibung der Sexualität der Jugendlichen – voller Verwunderung und Überraschung, aber ohne Ängste. Das Kompliment mag Schomburg nicht für sich beanspruchen, sondern schiebt es seiner Figur zu: "Das mag ich auch an Johanna, die ich ja selbst erst beim Schreiben kennengelernt habe, sehr gerne. Wie angstfrei sie sich Sachen anschaut." Er habe als Jugendlicher viel mehr Angst gehabt, Dinge frei zu betrachten. "Vor allem, weil man in dieser Phase denkt, wenn man eine Sache ist, dann ist man das für den Rest seines Lebens. Die Einsicht, dass man sehr viele unterschiedliche Persönlichkeiten gleichzeitig haben kann, ist mir erst in den vergangenen zehn Jahren gekommen."

Vielleicht beschäftigen Schomburg deshalb die Dinge, die man im Leben das erste Mal erlebt, genauso wie seine Figur Johanna: "Die schönsten Dinge sind doch die, die man das erste Mal macht. Sie haben mit dem Leben zu tun. Wenn man etwas zum zweiten Mal macht, hat das eigentlich schon mit dem Tod zu tun. Wenn man zum ersten Mal einen Film gemacht hat, dann weint man beim Abschiedsfest, weil man davon überwältigt ist, das geschafft zu haben. Die Tränen beim zweiten Mal sind dann nicht mehr ganz echt, plötzlich sieht man schon die Routine vor sich."

Heißt das, es wird nur ein Buch geben? "Ich habe tatsächlich gesagt, ich mache nur noch Sachen zum ersten Mal, aber man merkt ja erst, wenn man Sachen macht, wie sie funktionieren, das ist auch schön weiterzuentwickeln." Er habe bereits die ersten hundert Seiten vom zweiten Roman geschrieben. "Die Hauptfigur ist diesmal ein Mann, was selten ist bei mir. Es handelt sich um einen Spiritisten zur Jahrhundertwende in München, eine kuriose Figur." Es habe damals Wissenschaftler, darunter auch bekannte wie Madame Curie, gegeben, die sich mit Medien beschäftigten, die Tische schweben ließen und so weiter. "Weil es ein paar Medien gab, die betrogen haben, war es irgendwann so schlecht beleumundet, das man dem Phänomen als ernsthafter Wissenschaftler nicht mehr nachgehen konnte." Ansonsten schreibe er noch an zwei weiteren Drehbüchern. "Es ist schön beides zu haben und sich zwischen den Welten zu bewegen."

Quelle: n-tv.de

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