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"Ebenen der Unsicherheit" Salman Rushdie hält sich am Schreiben fest

Rushdie war viermal verheiratet und hat zwei Kinder.

Rushdie war viermal verheiratet und hat zwei Kinder.

(Foto: AP)

Seine Romane sind opulent und komplex, dabei voller Absurdität und Ironie. Für die meisten ist Salman Rushdies Name mit den "Satanischen Versen" und der Fatwa verbunden. Nun wird der Autor 70 und hat diesen Teil seines Lebens längst hinter sich gelassen.

Salman Rushdies neues Buch erscheint im Herbst. Glaubt man seinem US-Verlag ist "Das Goldene Haus" der "ultimative Roman über Identität, Wahrheit, Terror und Lügen" - die Geschichte eines jungen Filmemachers mit einer geheimnisvollen und tragödienbehafteten Familie, der in der Amtszeit von US-Präsident Barack Obama zum Mann reift.

Im September werden die Leser wissen, ob der 70-jährige Rushdie mit dem 30-jährigen mithalten kann. Manche seiner Bücher sind so großartig, dass Rushdies Name regelmäßig genannt wird, wenn es darum geht, wer den nächsten Literaturnobelpreis bekommen sollte. Dazu gehören "Mitternachtskinder", "Des Mauren letzter Seufzer" oder auch "Harun und das Meer der Geschichten". Bei anderen bemängeln die Kritiker eine allzu große Fabuliersucht und Selbstverliebtheit.

Trotzdem zählt der indisch-britische Autor nicht umsonst zu den Stars des Literaturbetriebs. Am 19. Juni 1947 kommt er im indischen Mumbai zur Welt, sein Vater ist Geschäftsmann, seine Mutter Lehrerin. Die muslimische Familie mit drei weiteren Töchtern hat ihre Wurzeln in Kaschmir. Mit 14 Jahren wird Rushdie nach England aufs Internat geschickt, wo er auch seine universitäre Ausbildung durchläuft. Danach lebt er nur noch kurze Zeit in Pakistan, bevor er sich endgültig in Großbritannien niederlässt. Er arbeitet unter anderem als Werbetexter, bis er schließlich 1981 mit "Mitternachtskinder" den Durchbruch schafft und den renommierten Booker-Preis bekommt.

Disziplinierter Schreiber

"Das Buch hat wunderbare Dinge für mich getan", sagte Rushdie der "Harvard Business Review" über diese Anfänge seiner literarischen Arbeit. Es habe ihn finanziell unabhängig und in den Augen der Menschen zum Schriftsteller gemacht. Rushdie begreift seine Arbeit als Job, der jeden Tag gemacht werden muss. Also setzt er sich morgens an den Schreibtisch und schreibt, was sich in seinem Kopf bereits zusammengefügt hat. Früher waren es vier bis fünf Seiten am Tag, inzwischen sind es "eher 400 bis 500 Wörter".

"Zu den seltsamen Dingen beim Schreiben zählt, dass es sich, während man es macht, wie etwas absolut Privates anfühlt", hat er diesen Prozess in verschiedenen Interviews beschrieben. "Aber wenn dann das Buch fertig ist und erscheint, verwandelt es sich in etwas definitiv Öffentliches."

Dass diese Öffentlichkeit nicht unbedingt ebenso wie er vom Wert der Meinungsfreiheit überzeugt ist, hat Rushdie schmerzhaft erfahren. 1988 veröffentlicht er "Die Satanischen Verse" über zwei aus Indien stammende Muslime, die einen Flugzeugabsturz nach einem Terroranschlag überleben. Beide verwandeln sich dabei, der eine in den Erzengel Gabriel, der andere in den Teufel. Das Buch ist Märchen, Großstadtgeschichte, Einwandererroman und Auseinandersetzung mit dem Islam.

Ein Schreiben nach der Fatwa

Der iranische Ayatollah Chomeini kommt zu dem Schluss, der Roman beleidige "den Islam, den Propheten des Islam und den Koran". 1989 verhängt er eine Fatwa gegen Rushdie. Demnach ist es jedem Muslim erlaubt, den Autor und jeden, der sich an der Verbreitung dieses beleidigenden Romans beteiligt, zu töten. Der Autor lebt daraufhin jahrelang im Untergrund, unter Polizeischutz. Hitoshi Igarashi, der japanische Übersetzer des Buches, wird 1991 ermordet, sein italienischer Kollege Ettore Capriolo und der norwegische Verleger William Nygaard erleiden bei Anschlägen schwerste Verletzungen.

Er habe sich danach dazu entschlossen, einfach weiter der Schriftsteller zu sein, der er auch vorher war, sagt Rushdie über diese Jahre. Inzwischen lebt er ohne Leibwächter in New York, allerdings ohne dass seine Adresse bekannt ist. Die Fatwa wurde iranischen Staatsmedien zufolge im Februar 2016 erneuert. Fast vier Millionen US-Dollar Kopfgeld sind demnach inzwischen auf Rushdie ausgesetzt.

Der Autor hat die Jahre der unmittelbaren Bedrohung für sich und seine Familie in seinem 2012 erschienen Buch "Joseph Anton" verarbeitet. Die Autobiografie unter dem Aliasnamen, den er aus den Vornamen seiner Lieblingsschriftsteller Joseph Conrad und Anton Tschechow gebildet hatte, soll der Anfang eines wieder normalen Lebens sein. Rushdie hat sich immer geweigert, sein Leben und sein Schreiben der möglichen Gefahr zu opfern. Er besteht darauf, sich mit Freunden zu treffen, auszugehen, zu reisen und zu schreiben. "Es gibt keine absolute Sicherheit, nur verschiedene Ebenen der Unsicherheit."

Sein Leben habe ihm ein Thema mitgegeben, sagt Rushdie: das Aufeinandertreffen der Welten. Manchmal verlaufe das harmonisch, manchmal komme es zum Konflikt. Meist geschehe beides. Also geht es bei ihm um Fabelwesen und Menschen, Wissen und Glauben, Angst und Toleranz. Er habe kein großes philosophisches Gedankengebäude, vielmehr wachsen seine Bücher während des Schreibprozesses. Es sei mehr Instinkt als Logik.

Wenn er sich etwas wünschen könnte, dann, dass sich die Leser in seine Bücher verlieben. Denn: "Wenn wir uns verlieben, dann können Bücher uns verändern und unsere Sicht auf die Welt. Und auf diese Weise können Bücher die Welt verändern, in einer ganz unvorhersehbaren Weise." Davon zu träumen, hat er noch immer nicht aufgehört.

Quelle: n-tv.de

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