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Verpatztes Genexperiment Rosa Mini-Elefant mischt Zürich auf

Ein kleiner, pinker Elefant bringt den Säuferalltag eines Obdachlosen gehörig durcheinander. Denn der Winzling will nicht nur umsorgt werden. Auch die Gen-Mafia ist hinter ihm her. Und dann funkelt das Tier in Martin Suters neuem Roman auch noch.

Und plötzlich ist er da, mitten in Schochs Höhle am Ufer der Limmat in Zürich: ein kleiner rosa Elefant, der im Dunkeln sanft vor sich hin leuchtet. In seinem Suff hält der Obdachlose Schoch den Mini-Dickhäuter zuerst für eine Halluzination. Aber der ist tatsächlich lebendig – und das Resultat eines Genexperiments, das außer Kontrolle geraten ist.

In seinem neuen Roman mit dem schlichten Titel "Elefant" widmet sich Martin Suter der Genmanipulation und ihren ethischen Grenzen. Der Schweizer Erfolgsautor spinnt weiter, was heute schon Realität ist: Für sogenannte "Glowing Animals" erhielten Wissenschaftler aus Japan und den USA 2008 den Nobelpreis. Allerdings leuchten die genveränderten Katzen und Schweine nur dann blau und grün, wenn sie angestrahlt werden. Der kleine Elefant aber funkelt immer.

Martin Suter erklimmt regelmäßig mit seinen Romanen die Bestsellerlisten, so auch mit "Elefant".

Martin Suter erklimmt regelmäßig mit seinen Romanen die Bestsellerlisten, so auch mit "Elefant".

(Foto: picture alliance / Arno Burgi/dp)

Erschaffen hat das Wundertier der skrupellose Genforscher Roux. Zu Beginn erhofft er sich wissenschaftliche Reputation, doch dann wittert er das große Geschäft. Dass das Tier nur 30 mal 40 Zentimeter groß wird, war nicht geplant. Roux sieht schon Horden lebendiger Spielzeuge durch Kinderzimmer in aller Welt tollen. Für die Reproduktion braucht er nun dringend das Genmaterial des Elefanten. Doch der ist verschwunden – und die Verfolgungsjagd beginnt.

Denn es gibt Menschen, die verhindern wollen, dass das Tier ein "entzückendes Werbemaskottchen" für die "Wünschbarkeit und Harmlosigkeit" von designten Lebewesen wird. Einer von ihnen ist Kaung, der als Tierpfleger in dem Zirkus arbeitet, in dem eine Elefantendame als Leihmutter dient. Der burmesische Elefantenflüsterer sieht in dem funkelnden Zwerg etwas Heiliges, das unbedingt geschützt werden muss.

Ein Herz für Tiere und Investmentbanker

Für den auf der Straße lebenden Schoch hingegen ist das Elefäntchen die Rettung. Tierärztin Valerie, die ehrenamtlich die Hunde der Obdachlosen in Zürich versorgt, versteckt die beiden im leerstehenden Haus ihrer Eltern. Dort kümmert sich Schoch hingebungsvoll um das ihm zugelaufene Tier. Es ist der Beginn seiner Resozialisierung: Natürlich hat Valerie nicht nur ein Herz für Mini-Elefanten, sondern auch eins für gestrauchelte Investmentbanker.

Elefant
EUR 16,99

Realität mit Fantasieanteilen trifft auf Mystik: Über der ganzen Geschichte liegt ein Hauch von Märchen. Das hängt auch damit zusammen, dass die Rollen der Figuren von Anfang an klar verteilt sind: Es gibt die Bösen, die des kleinen Fabelwesens habhaft werden und aus ihm Profit schlagen wollen (Roux, seine zwielichtigen chinesischen Partner, der Zirkusdirektor). Und dann sind da die Guten (Schoch, Valerie, Kaung), die den Elefanten liebgewinnen und ihn retten wollen.

Glänzende Unterhaltung

Auch als Leser verfällt man dem Zauber dieses kleinwüchsigen Tieres mit der Farbe eines Marzipanschweins. Zumal dann, wenn es sich in einer Badewanne nach einem Moment der Irritation freudig mit Wasser bespritzt, seinen Rüssel vertrauensvoll um die Finger seiner Beschützer schlingt oder die kleinen Ohren aufstellt und glaubt, ein furchteinflößender Gigant zu sein.

Das ist alles ziemlich niedlich. Vielleicht ein wenig zu niedlich für ein so heikles Thema wie Genmanipulation. Aber ein wirklich origineller Einfall ist die Geschichte rund um den Zwergelefanten allemal. Zudem ist sie, nebenbei bemerkt, wie immer bei Suter sauber recherchiert. Davon zeugen die Danksagungen am Ende des Buches.

"Elefant" reicht zwar nicht an Suters spannungsgeladenen Finanzthriller "Montecristo" (erschienen 2015) heran. Die Verfolgungsjagd, die von der Schweiz bis nach Myanmar zu einer Kultstätte führt, geht etwas zu glatt auf und die Sprache schrammt manchmal hart am Pathos vorbei. Aber trotzdem fühlt man sich als Leser glänzend unterhalten von dieser Geschichte zwischen Genlabor und Obdachlosenszene.

Quelle: n-tv.de

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