Bücher

Hinrichtung von Fernand Iveton Als Frankreich ein Exempel statuierte

Der Algerienkrieg ist mit Hunderttausenden Opfern einer der blutigsten Unabhängigkeitskriege.

Der Algerienkrieg ist mit Hunderttausenden Opfern einer der blutigsten Unabhängigkeitskriege.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Der Algerienkrieg ist eines der großen Tabuthemen der französischen Geschichte. Nun legt Autor Joseph Andras den Finger in die Wunde und erinnert an einen Mann, an dem ein maßloses Urteil vollstreckt wurde.

Auf der einen Seite der bewaffnete Kampf der algerischen Unabhängigkeitsbewegung FLN, auf der anderen Seite systematische Folter, Massaker an der Zivilbevölkerung und das Auslöschen ganzer Dörfer durch die Kolonialmacht Frankreich: Das Trauma des Algerienkrieges (1954-1962) sitzt tief.

Fernand Iveton ist der einzige Europäer, der während dieser Zeit hingerichtet wurde. Die Geschichte des in Algerien geborenen Franzosen erzählt Joseph Andras in seinem wirklich großartigen Debüt "Die Wunden unserer Brüder" - einem der Romane, mit denen sich das Gastland Frankreich auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert.

Von Joseph Andras gibt es nur ein Foto. Er meidet die mediale Öffentlichkeit und gibt nur schriftliche Interviews.

Von Joseph Andras gibt es nur ein Foto. Er meidet die mediale Öffentlichkeit und gibt nur schriftliche Interviews.

(Foto: Rezvan S.)

Iveton hatte am 14. November 1956 für die FLN eine Bombe in einem leerstehenden Raum einer Gasfabrik in Algier platziert. Sie sollte nach Dienstschluss explodieren und ausschließlich Betriebsanlagen zerstören. Er hatte alles so geplant, dass kein Blut fließen würde. Noch vor der Detonation wurde Iveton verraten, von französischen Soldaten verhaftet und tagelang gefoltert. Vor einem Militärgericht fiel schließlich das Todesurteil.

Obwohl die Bombe nicht gezündet hatte und keine Menschen zu Schaden gekommen waren, wurde sein Begnadigungsgesuch abgelehnt. Kurz zuvor hatten zwei FLN-Attentate in Algier viele Menschen getötet und verletzt. Die öffentliche Meinung war gegen Iveton und die Grande Nation statuierte ein Exempel: Am 11. Februar 1957 wurde Iveton guillotiniert.

Andras rührt an politischem Tabu

Die Akten zu dem Fall existieren heute nicht mehr, sie wurden vernichtet. Nicht weniger brisant: Der damalige französische Justizminister, der das Todesurteil besiegelte, hieß François Mitterrand.

Der Begriff "Algerienkrieg" ist in Frankreich erst seit 1999 gesetzlich anerkannt. Zuvor war nur von den "Ereignissen in Algerien" die Rede. Eine Mitschuld an der Eskalation räumte Frankreich nie ein. Dann sprach Emmanuel Macron im Februar dieses Jahres (damals noch als Präsidentschaftskandidat) von "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" - und sorgte damit unter vielen seiner Landsleute für Unbehagen. Bis heute ist der Algerienkrieg ein nicht aufgearbeitetes Kapitel der französischen Geschichte.

Der Roman ist bei Hanser erschienen und kostet 18 Euro.

Der Roman ist bei Hanser erschienen und kostet 18 Euro.

Literarisch rührt nun also Andras an diesem politischen Tabu. Und das tut er mit großer Klarheit und Präzision in Sprache und Aufbau des 157 Seiten schmalen, aber bedeutenden Buches. In den Romanteilen, die von der Verhaftung und dem Prozess erzählen, wechselt Andras in schneller Folge absatzweise die Perspektive. Bei der Beschreibung der Folterszenen testet er die Grenze des Erträglichen aus.

Zwischendrin schiebt er immer wieder längere Passagen ein, in denen er auf das Leben Ivetons zurückblickt: auf seine Kindheit in einem arabisch geprägten Stadtteil von Algier, auf sein Leben als Fabrikarbeiter mit kommunistischen Überzeugungen, auf den Tod seines besten Freundes, der zum Auslöser für sein politisches Handeln wird, und natürlich auf seine große Liebe zu seiner Frau Hélène.

Unerbittlich und poetisch

In einem ebenso unerbittlichen wie poetischen Ton erzählt Andras von diesem Mann, der seinen Idealen bis zum Schluss treu blieb: "Ich liebe Frankreich, ich liebe Frankreich sehr, ich liebe Frankreich ganz außerordentlich, aber was ich nicht liebe, sind Kolonialisten". Und der das Vertrauen in die Gerechtigkeit des Staates nicht aufgeben wollte, denn "sein Naturell pflegte am großen Tisch der Existenzen in halbvolle Gläser einzuschenken".

Für seinen in Frankreich kontrovers diskutierten Roman über eine wahre Geschichte eines maßlosen Urteils in einem schmutzigen Krieg wurde Andras, der zurückgezogen in der Normandie lebt und ähnlich wie Elena Ferrante unter einem Pseudonym schreibt, 2016 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Es ist der prestigeträchtigste Literaturpreis Frankreichs. Andras hat ihn abgelehnt.

"Die Wunden unserer Brüder" bei Amazon bestellen

Quelle: n-tv.de