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Der Fall Harvey Weinstein Wer schweigt, gewinnt

Produzent Harvey Weinstein war jahrelang einer der Männer an der Spitze Hollywoods.

Produzent Harvey Weinstein war jahrelang einer der Männer an der Spitze Hollywoods.

(Foto: REUTERS)

Über Jahrzehnte soll Filmmogul Harvey Weinstein Frauen sexuell belästigt haben - auch Ashley Judd und Gwyneth Paltrow. Hollywood ist schockiert, und gibt sich ahnungslos. Doch der Fall offenbart auch die gestörten Mechanismen der Filmbranche.

Als Harvey Weinstein 1996 Gwyneth Paltrow im Bademantel an der Tür seines Hotelzimmers in Beverly Hills empfängt, ist die spätere Hollywood-Diva gerade einmal 22 Jahre alt. Der millionenschwere Filmproduzent muss Eindruck gemacht haben auf die junge Aktrice - nur zwei Jahre zuvor hatte er den Oscar-prämierten Streifen "Pulp Fiction" verwirklicht. Nun soll Paltrow die Hauptrolle in seinem neuesten Projekt "Emma" spielen - eine Adaption des gleichnamigen Romans von Jane Austen. Es winkt der internationale Durchbruch.

Offiziell will Weinstein mit der Schauspielerin über das Geschäftliche sprechen. Doch dann schlägt er Paltrow eine gegenseitige Massage in seinem Schlafzimmer vor. "Ich war ein Kind", sagt Paltrow jetzt der "New York Times". "Ich war unter Vertrag, ich war versteinert." Obwohl sie sich ihrem damaligen Freund, Brad Pitt, anvertraut - und er Weinstein nach Angaben das Magazins "US Weekly" auch auf einer Party deshalb anspricht - bleibt der Vorfall vertraulich. Er ist nur eine Episode in einer Geschichte über das Schweigen.

Was Hollywood in diesen Tagen erlebt, ist der öffentliche Absturz einer der erfolgreichsten Männer im US-Filmgeschäft: Harvey Weinstein, der frühere Kopf der Produktionsfirma Miramax und selbst Oscar-Preisträger, soll über drei Jahrzehnte mehrere Frauen sexuell belästigt haben - darunter Filmgrößen wie Ashley Judd, Angelina Jolie und eben Gwyneth Paltrow. Seit neuestem stehen auch Vergewaltigungsvorwürfe im Raum. Weinstein selbst hat einige der Anschuldigungen eingeräumt, will nach eigenen Angaben "seine Dämonen bekämpfen".

Gerüchte gab es schon lange

Doch das Leben des bekannten Filmmoguls liegt längst in Scherben. Seine - von ihm selbst mitgegründete - Firma, die Weinstein Company, hat ihn nach Bekanntwerden des Skandals rausgeworfen. Ehefrau Georgina Chapman soll den 65-Jährigen verlassen haben. Zahlreiche Weggefährtinnen distanzierten sich: Meryl Streep, Judi Dench - und sogar Hillary Clinton, für deren Wahlkämpfe Weinstein Zehntausende Dollar spendete. Sie alle wollen nichts geahnt haben von dem, was da in den Hotelzimmern des Filmproduzenten ablief.

Tatsächlich soll Weinstein seine Opfer, zu denen offenbar auch mehrere Angestellte seiner Firmen gehören, fürs Schweigen bezahlt haben. Doch Gerüchte gab es trotzdem. George Clooney räumte ein, dass schon in den 90er Jahren Geschichten von "bestimmten Schauspielerinnen" kursierten, die "mit Harvey geschlafen hätten, um eine Rolle zu bekommen". Er selbst habe das aber für dummes Gerede gehalten. Offensichtlich war es das nicht. Und offensichtlich wurde Weinstein auch nicht das "wehrlose Opfer" karrieregeiler Weibchen, so wie Clooney es andeutet. Doch der Mythos "Besetzungscouch" ist so alt wie die Traumfabrik selbst - und wird offenbar selbst von Filmschaffenden ohne Argwohn hingenommen.

Weinstein an Spitze der Macht

Nachgefragt hat jahrzehntelang niemand. Denn der jüdische Junge aus New York, der mit seinem Bruder Bob nach dessen Aussage in einem "Haus der unteren Mittelklasse" in Queens aufwuchs, stand Mitte der 90er Jahre in der Hierarchie der Macht ganz oben. 1993 verkauften die Weinstein-Brüder ihr gemeinsames Studio Miramax an den Disney-Konzern - für 60 Millionen Dollar. Sie blieben an der Spitze der Filmfirma, produzierten Blockbuster wie "Der Englische Patient" oder "Das Leben ist schön". Weinstein schuf Karrieren aus dem Nichts.

Harvey Weinstein und Matt Damon 2005 in New York - sie produzierten gemeinsam "Good Will Hunting".

Harvey Weinstein und Matt Damon 2005 in New York - sie produzierten gemeinsam "Good Will Hunting".

(Foto: imago/ZUMA Press)

Auch Hollywood-Star Matt Damon, der für sein Drehbuch zum Film "Good Will Hunting" 1998 einen Oscar gewann, hat dem Filmmogul einiges zu verdanken. Immerhin hat Weinstein sein Autorenwerk finanziert. Auf Wunsch von Weinstein rief er 2004 die Journalistin Sharon Waxman an, weil die laut Damon einen "negativen" Artikel plante. Damon sollte ein gutes Wort für den italienischen Chef von Miramax, Fabrizio Lombardo, einlegen. Er tat es - angeblich ohne zu wissen, worum es in dem Artikel gehen sollte. Tatsächlich stand Lombardo damals im Verdacht, für Weinstein Prostituierte "organisiert" zu haben. Der Artikel wurde schließlich nie veröffentlicht.

Schweigen für die eigene Karriere

Im Interview mit dem Portal "Deadline" bestreitet Damon aber nun, die Journalistin unter Druck gesetzt zu haben. Auch von den Belästigungen habe er nichts gewusst. "So etwas passiert hinter verschlossenen Türen, nicht unter dem Blick der Öffentlichkeit", sagt der Vater von vier Töchtern - und er beteuert: "Wenn ich jemals gesehen hätte, dass Harvey so etwas macht, hätte ich es gestoppt." Passiert ist dennoch nie etwas. Und die Tatsache, dass renommierte Schauspielerinnen ihre Erlebnisse erst publik machten, nachdem sich eine frühere Assistentin an die "New York Times" gewendet hat, sagt viel aus über die Mechanismen, denen sich Frauen in Hollywood auch heute noch unterworfen fühlen.

Warum sonst hätte Gwyneth Paltrow nach der Szene im Hotelzimmer in Beverly Hills noch einmal mit Weinstein arbeiten sollen? Sie tat es - nur zwei Jahre später kam "Shakespeare in Love" heraus. Die Rolle brachte Paltrow 1999 einen Oscar als beste Hauptdarstellerin ein. Die heute 45-Jährige hat geschwiegen für ihre Karriere - wie vermutlich einige andere auch. Erst jetzt, wo der berufliche und persönliche Untergang Weinsteins besiegelt ist, erfährt auch die Welt außerhalb der Traumfabrik von dem, was jahrelang hinter den Kulissen passiert ist. Womöglich ist der Fall Weinstein also nur ein Symptom, und nicht die Krankheit.

Quelle: n-tv.de

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