Unterhaltung

Kieler Selbsthass-"Tatort" Mit harter Kost ins Sommerloch

Roman Eggers (Mišel Maticevic) trifft sich heimlich mit seiner Tochter Luisa (Lilly Barshy) - er braucht Geld.

Roman Eggers (Mišel Maticevic) trifft sich heimlich mit seiner Tochter Luisa (Lilly Barshy) - er braucht Geld.

(Foto: NDR/Christine Schroeder)

Borowski als Besoffski-Kommissar, der letzte Fall von Sibel Kekili und Babys, die zu menschlichen Schutzschilden werden: Der letzte "Tatort" vor der Sommerpause feiert die Kieler Woche auf seine ganz eigene Weise. Ob das der Tourismusbehörde gefällt?

Roman (Mišel Maticevic) braucht Geld. Dringend. Das Problem: Seine Freundin hat ihm schon all ihr Erspartes anvertraut und obendrein noch ein Darlehen bei einem Kredithai aufgenommen. Nachdem Roman daraufhin wochenlang spurlos verschwindet, ist seine Freundin bei seinem Auftauchen einfach nur glücklich, ihn wieder zu sehen. Aber Roman will keine Nähe, Roman will seine Ruhe. Je eindringlicher sie nach einem Zeichen der Zuneigung bettelt, desto mehr Wut staut sich in Roman auf - bis irgendetwas in ihm zerreißt: Er schlägt zu, immer und immer wieder, bis seine Freundin sich nicht mehr rührt. Dann nimmt der Mörder einen Lappen, wischt seine Fingerabdrücke von der Fensterbank und verlässt die Wohnung.

Schonungslos hält die Kamera in der Eingangsszene des neuen Kieler "Tatorts" drauf - selbst dann noch, wenn man es als Zuschauer kaum noch erträgt, hinzuschauen. Sie tut es auf eine kalte Art, ohne das Verlangen, das Geschehen zu kommentieren. Es ist diese emotionslose Dokumentation des Moments, in dem ein ohnehin schon am Abgrund stehender Mensch endgültig über den Rand fällt und zum Mörder wird, die diese Szene so eindringlich macht - und mit ihr den gesamten Film.

Hat ihren letzten Auftritt im Kieler "Tatort": Kommissarin Brandt (Sibel Kekili)

Hat ihren letzten Auftritt im Kieler "Tatort": Kommissarin Brandt (Sibel Kekili)

(Foto: NDR/Christine Schroeder)

Brandt im Tablettensumpf

Mit "Das Fest des Nordens" verabschiedet sich die ARD nicht nur ungewöhnlich düster in die Sommerpause, es ist auch eine ungewöhnlich dunkle Interpretation eines Themen-"Tatorts": Die namensgebende Kieler Woche kommt nur am Rand als Alkohol-Auffangstation und Sammelbecken der Verdammten vor, Seemannsfolklore sucht man hier vergebens. Stattdessen scheint sich eine ganze Stadt in der Sommerdepression zu suhlen: Kommissarin Brandt (Sibel Kekili) verscheucht mit dem Golfschläger Besoffskis, die vor ihrer Haustür grölen und versinkt zugleich im Tablettensumpf. Ihr Kollege Borowski (Axel Milberg) ist selbst Besoffski und versucht, die Geister in seinem Kopf mit literweise Rotwein, abgebrochenen Autospiegeln und der Kellnerin von nebenan zu vertreiben.

Um zu verstehen, warum das so ist, muss man wissen, dass "Das Fest des Nordens" bereits vor zwei Jahren gedreht wurde und eigentlich direkt an einen "Tatort" anknüpfen sollte, der Borowski mehr als nur ein bisschen verstört zurückließ. Seitdem entstanden nicht nur zwei neue Kieler Folgen, auch Sibel Kekili hat sich zwischenzeitlich dazu entschieden, nicht mehr ermitteln zu wollen - was nicht nur dazu führt, dass Kekilis Abschied aus dem Kieler "Tatort" reichlich unspektakulär ausfällt, sondern auch die Zuschauer ob der desolaten Verfassung Borowskis etwas ratlos zurücklässt.

"Das Fest des Nordens" ist allerdings nicht nur ein gutes Beispiel dafür, dass das Serienprinzip im "Tatort" nur bedingt funktioniert, sondern zeigt auch, dass solche Schwächen kaum ins Gewicht fallen, wenn der Fall so eindringlich präsentiert wird wie hier. Die Sehnsucht nach Nähe verbindet alle Charaktere ebenso miteinander wie die Unfähigkeit, selbige herzustellen. Stattdessen: Hass und Selbsthass, wohin man schaut. Das Erstaunliche dabei: Die Gewalt wirkt immer plausibel, ganz egal, wie explizit sie dargestellt wird. Bei einem Film, in dem ein Baby zum menschlichen Schutzschild wird, ist das fast schon Kunst.

Quelle: n-tv.de

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