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In dubio pro Missbrauch Der Berliner "Tatort" im Schnellcheck

Rubin (Meret Becker, l.) und Karow (Marc Waschke) stolpern über ihre eigenen Vorurteile.

Rubin (Meret Becker, l.) und Karow (Marc Waschke) stolpern über ihre eigenen Vorurteile.

(Foto: rbb/Andrea Hansen)

Morddrohungen, brennende Autos und Misstrauen von allen Seiten: Wer sich an einer Neuköllner Problemschule outet, braucht ein ziemlich dickes Fell - vor allem, wenn er Lehrer ist. "Amour fou" ist ein Lehrstück in punkto Vorurteile.

Das Szenario

In einer Kleingartenanlage nahe des Tempelhofer Feldes wird eine bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leiche gefunden - im Tode verschmolzen mit dem Plastik des Liegestuhls, auf dem sie liegt. Die zugehörige Laube gehört dem offen schwulen Lehrer einer Neuköllner Gesamtschule, der pikanterweise erst wenige Tage zuvor wegen eines angeblichen Missbrauchsfalles vom Dienst suspendiert worden war. Weil sowohl das vermeintliche Missbrauchsopfer Duran (Justus Johannsen) wie auch der Lehrer vermisst werden, scheint klar zu sein, wer für den Mord verantwortlich ist - zumal Durans alte Bande schon zwei Jahre zuvor das Cabrio des Lehrers angezündet und prophezeit hatten: "Erst die Schwuchtelkarre, dann die Schwuchtel."

Finden Schwule nicht so gut: die Neuköllner Problemkids

Finden Schwule nicht so gut: die Neuköllner Problemkids

(Foto: rbb/Andrea Hansen)

Die Berliner Kommissare Karow (Marc Waschke) und Rubin (Meret Becker) sind trotzdem skeptisch: Der oder die Täter haben in der Laube falsche Spuren gelegt - und die Ermittler trauen den Neuköllner Problemkids nicht zu, so clever agiert zu haben. Dafür verhält sich der Witwer des Lehrers höchst verdächtig: Armin (Jens Harzer) trauert nicht nur um seinen Mann, sondern behauptet steif und fest, sich zusammen mit dem Ermordeten um Duran gekümmert zu haben. Je tiefer Karow und Rubin in die Ermittlungen eintauchen, desto verworrener wird die ganze Geschichte: Handelt es sich am Ende um ein Eifersuchtsdrama?

Die eigentliche Botschaft

Niemand ist frei von Vorurteilen. Nicht nur Karow und Rubin folgen der Missbrauchsthese bereitwillig, auch als Zuschauer ist man geneigt, eins und eins zusammenzuzählen und die ungewöhnliche Dreier-Beziehung zwischen dem schwulen Paar und ihrem Ziehsohn in Frage zu stellen: "In dubio pro Missbrauch" urteilt Kommissar Karow folgerichtig.

Darüber wird in der Mittagspause geredet

Der Twist am Ende des Films hat es in sich, kommt ziemlich überraschend und zeigt eindrucksvoll, welche Macht ein Gerücht entwickeln kann, wenn es zumindest in den Augen der Umstehenden glaubwürdig wirkt.

Der Plausibilitätsfaktor

Hoch. Die Situation an so mancher Schule in Berliner Problembezirken (und natürlich auch anderswo) ist auch zehn Jahre nach Rütli noch besorgniserregend - wer nicht der Norm entspricht, hat im Haifischbecken Schule oft keine Chance.

Die Bewertung

7 von 10 Punkten. "Amour fou" ist ein intelligent gemachter Krimi, der gekonnt mit gängigen Vorurteilen spielt und so ziemlich jedem von uns den Spiegel vorhält. Leider gestaltet sich der Mittelteil ziemlich zähflüssig - das Finale entschädigt dann aber für vieles wieder.

Quelle: n-tv.de

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