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Chelsea Handler als Aktivistin "Das ist der größte Arschloch-Move!"

Ihre Show "Chelsea" hat Chelsea Handler auch genutzt, um Hillary Clinton im Wahlkampf zu unterstützen.

Ihre Show "Chelsea" hat Chelsea Handler auch genutzt, um Hillary Clinton im Wahlkampf zu unterstützen.

(Foto: Netflix)

Chelsea Handler, die Komikerin. Das war einmal. Dabei ist es noch gar nicht mal so lange her, dass sie Publikum mit Stand-up-Comedy und einer Promi-Show bespaßte. In Deutschland ist die 42-Jährige vor allem Netflix-Fans mit Faible für spannende Frauen bekannt. Doch auch viele, die ihren Namen nicht auf Anhieb zuordnen können, haben ihren Namen im vergangenen Jahr schon mal gelesen. Handler zählte nämlich zu den Prominenten, die sich im US-Präsidentschaftswahlkampf besonders stark engagiert haben. Auch andere Stars hatten sich engagiert, sehr sogar. Katy Perry ließ für Clinton in einem Werbe-Spot die Hüllen fallen, Miley Cyrus klopfte höchstpersönlich an die Türen von College-Studenten, um ihre Stimmen für Clinton zu sichern. Handler aber ging weiter. Ihre Talkshow "Chelsea" machte sie zum Wahlkampfinstrument.

Mit "Chelsea" schuf Handler ein Lern-Format - für die Zuschauer, aber auch für sich selbst. Plötzlich geht es um die Waffengesetze der USA, die Rolle der Frau in Russland oder das Brexit-Referendum. Als sich das Ringen um die US-Präsidentschaft zuspitzt, lädt Handler mehr und mehr Politiker in ihre Show ein. Sie fährt mit einer Trump-Pinata nach Mexiko und berichtet vom Parteitag der Demokraten. Am Tag nach der Wahl führt Händler mit Tränen in den Augen durch die Folge ihrer Sendung, die eigentlich ein Fest hätte werden sollen.

Die alte Chelsea Handler, die 50 Cent datete und Bücher über ihr Sexleben schrieb, scheint in solchen Momenten weit weg. Heute ist sie Aktivistin. Gerade erst lud sie die "New York Times ein", um gemeinsam mit der bekannten Feministin Gloria Steinem die politische Lage der USA zu analysieren. Die Wahl ist verloren, doch ihr politisches Engagement gibt Handler nicht auf. Im Gespräch mit n-tv.de findet sie klare Worte für oder besser gegen Donald Trump. Und sie erklärt, weshalb sie es überhaupt nicht einsieht, etwas an ihrer polarisierenden Art zu verändern.

n-tv.de: Sie besitzen die Fähigkeit, komplexe Themen einer breiten Masse zugänglich zu machen. Das hat sich im Laufe der ersten Staffel "Chelsea" schnell herauskristallisiert.

Chelsea Handler: Ich gebe mir Mühe. Die meisten Themen muss ich selber erstmal verstehen.

In den ersten Episoden haben Sie oft betont, dass Sie keinen College-Abschluss haben. Immer waren Sie die Erste, die gesagt hat: Ich weiß nicht Bescheid.

Ich wollte, dass die Show Bildung vermittelt. In der Show gestehe ich ganz öffentlich ein: Ich weiß nicht, was es mit dem Electoral Collage (Wahlmänner-System in den USA; Anm. d. Red.) auf sich hat. Ich habe keine Ahnung, wie die Wahlen in England funktionieren. Und auch viele andere Dinge verstehe ich nicht. Ich finde es schön, Fragen von einem verletzlichen Standpunkt aus zu stellen und sie dann tatsächlich beantwortet zu bekommen. Ich glaube nämlich, auch viele andere Leute kennen die Antworten nicht. Es ist peinlich, das einzugestehen. Aber noch viel peinlicher ist es, vorzugeben, etwas zu wissen. Das ist der größte Arschloch-Move!

Im Retro-Look wirbt Chelsea Handler für die zweite Staffel ihrer Netflix-Show.

Im Retro-Look wirbt Chelsea Handler für die zweite Staffel ihrer Netflix-Show.

(Foto: Netflix)

In der ersten Staffel ging es viel um die Präsidentschaftswahl in den USA, es ging um Rassismus, Sexismus und verschiedene tagespolitische Themen. Haben Sie das Gefühl, nicht nur immer informierter, sondern geradezu zur Aktivistin zu werden?

(lacht) Gerade jetzt muss ich eine sein. Da gibt es keine Wahl.

Sie haben sich im Wahlkampf lautstark für Hillary Clinton eingesetzt - auch im Rahmen von "Chelsea". Wie war es, wieder vor die Kamera zu treten, nachdem Donald Trump die Wahl für sich entschieden hatte?

Das war ein wirklich heftiger Tag. Wir dachten, die Folge würde ein Fest werden, aber es war … Es war furchtbar! In der Nacht zuvor war ich bis 3 Uhr morgens wach und habe geweint. Ich hatte meine Schwester am Telefon. Wir haben uns gefragt, wie das passieren konnte. (stockt und bekommt Tränen in den Augen) Wie konnten wir nur so jemanden wählen? In der Show konnte ich mich noch immer nicht zusammenreißen. Es war gut, dass ich Barbara Boxer, die damalige Senatorin Kaliforniens (schied im Januar 2017 aus dem US-Senat aus, nachdem sie sich nicht zur Wiederwahl gestellt hatte; Anm. d. Red.) an meiner Seite hatte. Sie war in der Lage, den Leuten Hoffnung zu geben.

Welche Lehre ziehen Sie aus diesem Rückschlag?

Mal abgesehen davon, dass dieser Typ völlig ungeeignet dafür ist, im Oval Office zu sitzen und das Land zu regieren? Nach der Amtseinführung sind nicht nur Amerikaner, sondern Menschen überall auf der Welt auf die Straßen gegangen. Ich hätte nie im Leben in Erwägung gezogen, für ein anderes Land zu demonstrieren! So solipsistisch können Amerikaner sein - ich spreche selbstverständlich nicht für jeden einzelnen. Aber wir haben den Brexit doch alle mitbekommen. Da hat keiner von uns demonstriert.

Sie haben dem Votum immerhin eine eigene Folge "Chelsea" gewidmet!

Stimmt. Aber welche Auswirkungen der Brexit für uns alle haben wird, habe ich damals nicht verstanden. Ich wusste nicht, wie ernst die Angelegenheit ist. Deswegen hat es mich nach der Wahl so berührt, wie die Weltbevölkerung reagiert hat. Die Leute sind so wütend und so bestürzt. Amerika hat enormen Einfluss auf das, was in der Welt passiert. Das sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ich meine das nicht im Sinne von: (senkt albern die Stimme) Amerika ist das beste Land der Welt, Amerika kommt immer zuerst. Wirklich nicht! Aber es ist so wichtig, dass wir einen Anführer haben, der bedacht und wohl überlegt handelt.

Eines der Themen, die nach der Wahl besonders umkämpft sind, ist die Rolle von Planned Parenthood (amerikanische Non-Profit-Organisation; Anm. d. Red.), speziell in Hinblick auf das Recht auf Abtreibung.

Obama Care soll aufgehoben, Planned Parenthood soll die Finanzierung entzogen werden. Wer um alles in der Welt ist gegen medizinische Versorgung? Nur drei Prozent der Arbeit von Planned Parenthood umfassen Abtreibungen. Meist geht es um STD-Tests (STD, von sexually transmitted disease, also Geschlechtskrankheit; Anm. d. Red.), Verhütung, Gebärmutterhalskrebs-Vorsorge, Früherkennung von Brustkrebs. Dass eine Gruppe von Menschen anderen den Zugang zu dieser Versorgung verweigern will, ist absurd. Es ist krank! Deswegen muss man sich für Institutionen wie Planned Parenthood kämpfen. Sie kämpfen für das Gute! Die Idee dahinter ist, dass es Menschen geben muss, die an Menschen denken, die weniger Glück gehabt haben. Wie kann man das schlechtreden?

Sie haben abgetrieben. Ihre Geschichte haben Sie in Form eines Essays im Playboy veröffentlicht. Wieso haben Sie sich entschieden, Ihre persönliche Geschichte publik zu machen?

Ich bin einfach gern ehrlich. Wenn ich eine Erfahrung gemacht habe, kann ich mir sicher sein, dass es Millionen von Mädchen gibt, denen es genauso ging. Ich habe eine Plattform, meine Stimme wird gehört. Ich empfinde es als meine Verantwortung, die Leute wissen zu lassen, dass sie nicht alleine sind. Ich erinnere mich an viele Momente, in denen ich das Gefühl hatte, der einzige Mensch zu sein, dem etwas jemals passiert ist - und damit meine ich jetzt nicht nur, im Teenageralter schwanger zu werden. Niemand ist alleine auf der Welt, wir sind hier alle gemeinsam. Wenn ich also solche Essays schreibe, möchte ich, dass sich die Leute aufgenommen und akzeptiert fühlen.

Sie haben mal gesagt, dass Kritiker Sie nie leiden konnten - bis die Doku-Reihe "Chelsea Does" erschienen ist. Bevorzugen Sie den Zuspruch, den Sie heute finden, oder gefallen Sie sich in der Rolle des Rebells eigentlich ganz gut?

Man betritt einen Raum doch immer in der Hoffnung, die Menschen darin überzeugen zu können. Gleichzeitig liegt es aber auf der Hand, dass man nicht immer gemocht werden kann. Ich habe mich daran gewöhnt: Ich polarisiere. Die Art, in der ich mich präsentiere, ist manchmal abschreckend und grob. Vielleicht könnte ich noch mehr erreichen, wäre ich ein wenig umgänglicher und zahmer. Aber ich versuche nicht, mich groß zu ändern. Ich bin keine Lügnerin, ich betrüge nicht, ich stehle nicht. Ich will, dass die Dinge besser werden. Und ich will Menschen helfen, die sich selbst nicht helfen können. Wie kann das falsch sein?

Ihre Familie, Ihre Freunde, Ihre Angestellten, sogar Ihr Hund Chunk - sie alle nehmen regelmäßig prominente Rollen in Ihrer Show ein. Viele Stars bemühen sich um eine strikte Trennung von Arbeit und Privatem. Wieso haben Sie sich dagegen entschieden?

Ich möchte mich hinter keiner Fassade verstecken. Ich finde es gut, authentisch zu sein. Während der ersten Proben zu "Chelsea" ist mein Hund auf die Bühne gelaufen. Also habe ich gesagt: "Wisst Ihr was? Wir lassen ihn einfach dort." Man hat mir dann erwidert, ich könne keinen Hund in der Show haben. Dabei ist das doch scheißegal! Was soll er schon machen? Pinkeln? Das wäre wirklich nicht das Ende der Welt.

Der Hund hat dann auch auf die Bühne gepinkelt …

(flüstert) Ja, ja, das hat er. Pssst.

Mit Chelsea Handler sprach Anna Meinecke.

Die zweite Staffel "Chelsea" startet am 14. April bei Netflix.

Quelle: n-tv.de

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