Praxistest

Kleiner Diesel im Praxistest Volvo V90 - besser als BMW und Co.?

Von Holger Preiss

Der Volvo V90 ist vielleicht der eleganteste Kombi, der im Augenblick auf den Straßen fährt.

Der Volvo V90 ist vielleicht der eleganteste Kombi, der im Augenblick auf den Straßen fährt.

(Foto: Holger Preiss)

Es ist nicht einfach, sich im Haifischbecken der deutschen Premium-Laster zu behaupten. Volvo kann das seit Jahrzehnten und hat mit dem V90 einen sehr gelungenen Konkurrenten am Start. Aber kann auch das Gesamtpaket in der Praxis überzeugen?

Im Normalfall zieht man mit einem Kombi der oberen Mittelklasse keine Blicke auf sich. Mit dem Volvo V90 schon. Der ist im Praxistest bei n-tv.de als D3 mit Handschaltung angetreten, um unter Beweis zu stellen, dass ein 150 PS starker Diesel das Zeug hat, den eleganten schwedischen Lader mit einem Gesamtgewicht von 1,8 Tonnen ordentlich in Schwung zu bringen. Das wird umso spannender, als dass der BMW 518d im Moment nicht im Programm ist. Das Interesse am 143 PS starken Sparmeister war wohl nicht so groß wie erwartet. Den Opener gibt bei der gelifteten 5er-Reihe der Bayern inzwischen wieder der 520d, der in seiner neuesten Ausführung 190 Pferden freien Lauf lässt. Anders Mercedes. Die Stuttgarter haben mit dem 200d gerade einen nigelnagelneuen Vierzylinder-Diesel mit 150 PS und angeschlossener Neungangautomatik im Programm.

Mit einer Länge von 4,94 Meter wirkt der Volvo V90 nicht nur lang, er ist es auch.

Mit einer Länge von 4,94 Meter wirkt der Volvo V90 nicht nur lang, er ist es auch.

(Foto: Holger Preiss)

Lassen Sie uns noch einen Moment über die Konkurrenz philosophieren. Mit einem Ladevolumen von 560 Litern hinkt der V90 den Mitbewerbern um einiges hinterher, hat aber bereits in der Grundausstattung eine elektrisch aufschwingende Heckklappe. Das Mercedes T-Modell der E-Klasse offeriert 640 Liter, der oben angesprochene 5er Touring bringt es immerhin auf 570 Liter. Wer aber richtig einladen will und keinen Standesdünkel hat, der blickt ohnehin auf den Škoda Superb. Mit 660 Litern ist er im Augenblick in der großen Kombi-Klasse unschlagbar. Nun will aber nicht jeder sein Auto bis unter die Dachkante vollpacken. Mancher ist nur auf der Suche nach außergewöhnlicher Schönheit und Sparsamkeit.

Wer diese zwei Komponenten auf seiner Liste ganz vorne zu stehen hat, der liegt mit dem Volvo V90 goldrichtig. Denn wie gesagt, der Schwede ist ein Blickfang, eine extrem gelungene Kombination aus Eleganz und Praktikabilität. Jedenfalls was das Äußere betrifft. Im Innenraum geht es nicht weniger schick zu, aber hier hat das Design an einigen Stellen der eleganten Linie den Vorzug vor der Praktikabilität gegebene. Zum Beispiel lässt sich der Inhalt in den Seitenfächern der Türen wegen der sehr geraden Armauflage kaum erfassen. Auch für größere Flaschen findet sich dort kein Platz. Überhaupt geizt der V90 mit Ablagen, wobei das Fach in der Mittelkonsole zusätzlich Volumen verliert, wenn dort das CD-Laufwerk verbaut ist. Und das mit einer Schiebeabdeckung versehene Fach vor den Cupholder ist so schmal, dass es nicht einmal ein Smartphone aufnehmen kann.

Schöne Sitze und reichlich Platz gibt es in der zweiten Reihe des Volvo V90.

Schöne Sitze und reichlich Platz gibt es in der zweiten Reihe des Volvo V90.

(Foto: Holger Preiss)

Vorteil mit Nachteilen

Dafür erfreuen die volvotypischen Sitze alle Insassen des Schweden mit einem einzigartigen Sitzkomfort. Es mag an der Statur des Autors liegen, aber ein besseres Gestühl gibt es in keinem anderen Auto. Die Mischung aus analoger Grafik und digitalen Instrumenten ist zeitgemäß und gefällt aufgrund der Klarheit und extrem guter Lesbarkeit uneingeschränkt. Auch der 12,3 Zoll große Touchscreen, der aufrecht steht und sich wie ein um 90 Grad gedrehtes Tablet präsentiert, erfreut zum Beispiel durch eine Dreiteilung in der Ansicht und sehr präzise Berührungspunkte. Über drei Felder, die auf- und zugeklappt werden können, zeigen sich zum Beispiel Navi, Radio und Wetter-App. Wer das Navi aus der Zentralen Ansicht ausblendet, der findet die Kartendarstellung auf einem Vollfarbdisplay zwischen den Rundinstrumenten wieder.

Das Tablet-Display in der Mittelkonsole ist übrigens serienmäßig im V90, misst in der Grundausstattung aber nur 8 Zoll und hat in beiden Fällen einen entscheidenden Nachteil. Der resultiert wiederum aus einem Vorteil: Der matte Touchscreens verhindert Lichtreflektion, kommentiert aber auch jede Berührung mit einem bleibenden Fettfleck. Nicht minder empfindlich sind die optional zu bekommenden, mit Klavierlack überzogenen Tasten am Lenkrad. Apropos Lenkrad, das liegt sehr gut in der Hand und gibt auch ausgezeichnete Rückmeldung bei Kurvenfahrten. Dem einen oder anderen könnte es fast ein wenig zu straff sein.

Mit dem teuren Business-Paket sind alle Anzeigen im Volvo V90 digital.

Mit dem teuren Business-Paket sind alle Anzeigen im Volvo V90 digital.

(Foto: Holger Preiss)

Ähnlich wie das Fahrwerk. Der V90 ist als 3D nämlich mit dem komplett neu entwickelten Standardfahrwerk ausgestattet. Vorne Doppelquerlenker, hinten Integral-Achse mit Querblattfeder. Diese Kombination filtert zwar grobe Stauchungen aus Querfugen, kann aber nicht verhindern, dass ein gewisser Teil des Stoßes an die Insassen weitergereicht wird. Das macht sich auch bei Kopfsteinpflaster bemerkbar. Hier ist ein deutlicher Unterschied zur optional erhältlichen Luftfederung mit Niveauregulierung spürbar. Das ist aber zu verschmerzen, wenn man sich den Aufschlag von 1350 Euro vor Augen führt.

Sparen mit dem Kraftzwerg

Und weil wir gerade von Geld reden, soll nicht verschwiegen werden, dass mit der Einstiegsvariante des D3 die Volvo-Welt für unter 50.000 Euro geentert werden kann. Da sind wir auch gleich wieder bei unserer Eingangsfrage: Ist ein 150-PS-Dieseltriebwerk ausreichend für ein fast fünf Meter langes und zwei Tonnen schweres Auto? Kurze Antwort: Ja! Das liegt vor allem an zwei Dingen: dem maximalen Drehmoment von 350 Newtonmetern und einer sehr linearen Kraftentfaltung. Die wurde beim Testwagen über ein manuelles Getriebe an die Vorderräder weitergereicht, das sich straff, aber nicht immer ganz sauber über sechs Stufen führen ließ.

An dieser Stelle könnte sich die Investition von 2250 Euro für den Sechsgang-Automaten lohnen. An der Beschleunigung ändert das jedenfalls nichts. In beiden Fällen braucht es 10,2 Sekunden bis auf Tempo 100. Natürlich gibt es auch einen Fahrmodischalter, der sich wie ein geschliffenes Kristall in der Mittelkonsole über drei Stufen rollen lässt: Eco, Comfort und Dynamik. Letzte Stufe verschärft das Ansprechverhalten des Gaspedals und gibt dem großen Schweden gefühlt noch etwas mehr Bums. Aber eigentlich gleitet der V90 einfach nur elegant bis an die Endmarke von 205 km/h. Na gut, zügiges Gleiten haben wir bis Tempo 180, dann braucht es doch einen Moment des Anlaufs bis zum Vmax.

Der Kofferraum ist mit 560 Litern nicht der größte im Segment, aber wer behauptet, dass das Volumen nicht reicht, der sollte es ausprobieren.

Der Kofferraum ist mit 560 Litern nicht der größte im Segment, aber wer behauptet, dass das Volumen nicht reicht, der sollte es ausprobieren.

(Foto: Holger Preiss)

Aber das stört kein bisschen, denn in sich ist der D3 absolut stimmig. Das wird umso deutlicher, wenn man den im Test erzielten Durchschnittsverbrauch betrachtet. Mit 6,4 Litern Diesel ist der Schwede für einen Wikinger wirklich alles andere als durstig. Und das bei vermehrter Kurzstrecke und reichlich Stadtverkehr. Nein, ein Überflieger wird mit dem kleinen Diesel nicht aus dem V90, aber ein trefflicher und sparsamer Langläufer. Grenzen hat der Kraftzwerg in dem Riesen natürlich, wenn die maximale Zuladung von 427 Kilogramm ausgeschöpft ist. Dann muss er sich schon spürbar anstrengen. Aber auch das macht er, ohne dabei laut zu werden.

Laut werden auch die Sicherheitssysteme nicht mehr. War der Auffahrwarner früher ein wahres Licht- und Tonfeuerwerk in den schwedischen Automobilen, wird heute mit einem deutlich dezenteren Signal ein entsprechendes Symbol in das optionale Head-up-Display projiziert. Das erfreut ohnehin über eine blitzsaubere Grafik und gute Übersichtlichkeit. Da wir gerade bei den Assistenten sind, sollen zwei Dinge nicht unerwähnt bleiben: Zum einen, dass Volvo bereits in der Grundausstattung ein reiches Portfolio der kleinen Helferlein anbietet, zum anderen sich ein Mehr an Luxus verdammt teuer bezahlen lässt.

Teure Pakete geschnürt

Kommen wir erst zu den erfreulichen Fakten: Für 47.100 Euro kann man in einen Volvo V90 D3 in der Ausstattungslinie Momentum einsteigen. Darin enthalten sind Kreuzungsbremsassistent und Wildtiererkennung, Aufmerksamkeitswarner, elektrische Parkbremse, schlüsselloser Zugang, Start-Stopp-System, Verkehrszeichenerkennung, Leder-Komfortsitze mit Sitzheizung, LED-Scheinwerfer und ein Spurhalteassistent, eine adaptive Geschwindigkeitsregelanlage, die den Pilot Assist II für teilautonomes Fahren bis 130 km/h beinhaltet. Der erledigt seine Arbeit auf der Autobahn ganz hervorragend. Das Problem ist nur, dass er ab einer Geschwindigkeit von 50 km/h abwärts aus dem aktiven Arbeitsprozess aussteigt. Wer also mit Schmackes auf den Stau zusaust, der sollte wachsam sein, denn tatsächlich übergibt die Elektronik alle notwendigen Entscheidungen an den Fahrer. Auch das Bremsen! Ein Umstand, der dafür sorgt, sich lieber selbst mit der Pedalerie zu beschäftigen, als die Aufgaben zu delegieren.

Der 2.0 Vierzylinder unter der Haube des V90 D3 ist gut verpackt.

Der 2.0 Vierzylinder unter der Haube des V90 D3 ist gut verpackt.

(Foto: Holger Preiss)

Kommen wir noch kurz zu den teuren Luxusgütern, die den Preis für den V90 D3 locker auf 66.000 Euro ansteigen lassen können. Der größte Posten ist das Business-Paket Pro für 4300 Euro. Das lässt die digitale Instrumentierung in der Mittelkonsole von 8 auf üppige 12,3 Zoll wachsen, bietet ein Soundsystem von Bowers und Wilkins und ein Sensus Navigationssystem, das hier leider nicht weiter besprochen werden kann, weil es im Test den Geist aufgegeben hat.

Hinzu kommen ein Winterpaket, in dem sich erstaunlicherweise neben Sitzheizung hinten und einer Standheizung für 2300 Euro auch ein WiFi-Hotspot verbirgt. Und im Xenium-Paket hat Volvo für 2850 Euro nicht nur das Head-up-Display, sondern auch ein großes Panorama-Glasschiebedach versteckt. Wie so oft erschließt sich die Zusammenstellung der einzelnen Komponenten nicht, es ist nur auffällig, dass sie ordentlich ins Geld gehen.

Fazit: Der Volvo V90 ist vielleicht der schönste Business-Kombi, der im Augenblick auf dem Markt ist. An einem D3 mit 150 PS gibt es als Sparmeister und Langläufer nichts auszusetzen. Nur über den Handschalter sollte man nachdenken und die Pakete mit den sehr unterschiedlichen Zutaten mit Bedacht auswählen, sonst ist man schnell an den Preisen der direkten Konkurrenz von BMW und Mercedes vorbeigezogen.

DATENBLATTVolvo V90 D3
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,94 / 1,88 / 1,47 m
Radstand2,94 m
Leergewicht (DIN)1833 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen560 / 1526 Liter
MotorVierzylinder-Diesel mit 1969 ccm Hubraum
Getriebe6-Gang-Handschaltung
Systemleistung110 kW / 150 PS
KraftstoffartDiesel
AntriebFrontantrieb
Höchstgeschwindigkeit205 km/h
Tankvolumen55 Liter
max. Drehmoment320 Nm / bei 1750 - 3500 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h10,2 Sekunden
Normverbrauch (außerorts/innerorts/kombiniert)4,0 / 5,4 / 4,5 l
Testverbrauch6,4 l
EffizienzklasseA / EU6
Grundpreis42.450 Euro
Preis des Testwagens66.360 Euro

Quelle: n-tv.de


Mehr zum Thema