Praxistest

Premiumalternative im Praxistest Jaguar XF 35t - Luxus-Katze mit Krallen

Der Jaguar XF ist die britische Antwort auf Mercedes' E-Klasse und den 5er BMW.

Der Jaguar XF ist die britische Antwort auf Mercedes' E-Klasse und den 5er BMW.

(Foto: Holger Preiss)

Längst hat Jaguar nicht mehr die älteste Kundschaft. Mit dem XE und der zweiten Generation des XF haben sich die Briten davon verabschiedet. Bleibt die Frage, ob eine solche Luxus-Katze auch im Praxistest bestehen kann.

Auf der Autoshow in New York im April vergangenen Jahres zeigte Jaguar erstmals die zweite Generation seiner Oberklasse-Limousine XF. Nicht nur in den Hallen am Hudson River wurde die britische Antwort auf die E-Klasse von Mercedes und den 5er BMW präsentiert. Auch am Union Square schwebte ein XF flankiert von einem riesigen Jaguar im Sprung über dem Asphalt. Ein selbstbewusster  Auftritt für die Luxus-Katze. Ob sie sich den auch im Alltag leisten kann?

Jaguar präsentierte den XF auf dem Union Square in New York zur Automesse 2015.

Jaguar präsentierte den XF auf dem Union Square in New York zur Automesse 2015.

(Foto: Holger Preiss)

Glaubensfrage Kompressor

Zum Praxistest bei n-tv.de trat das Raubtier in der zweitstärksten Ausführung an: Unter der Haube ein 3.0 Liter V6 mit Kompressoraufladung. Da hört man schon die Zweifler: "Kompressoraufladung für mehr Leistung? Das ist doch Old School." Ja, vielleicht. Während der Kompressor nämlich mechanisch mit dem Motor gekoppelt ist und somit auch dessen Antriebsleistung nutzt, um die Frischluft zu verdichten, arbeitet der Turbolader weitgehend ohne Energieverlust. Hinzu kommt, dass der Turbolader zur Aufladung den Druck und die Energie des heißen Abgasstroms nutzt. Auch wird dem Kompressor durch seine mechanische Verbindung zur Kurbelwelle ein niedriger Gesamtwirkungsgrad nachgesagt.

Doch wie dem auch sei: Letztlich ist es wohl eine Glaubensfrage. Beide Systeme verdichten die angesaugte Luft und pumpen somit mehr Sauerstoff für die Verbrennung in die Zylinder. Durch diese zusätzliche Aufladung der Brennkammern steigen das maximale Drehmoment und damit auch die Motorleistung. Insofern sollen an dieser Stelle Zahlen sprechen: Im Falle des Jaguar XF 35t können die sich sehen lassen. Der V6 lässt 340 Pferden freien Lauf und wirft mit Allradantrieb und über acht Schaltstufen ab 4500 Kurbelwellenumdrehungen 450 Newtonmeter auf die Achsen. Das erfolgt je nach Fahrmodi recht brachial, stört aber komischerweise nicht, weil es einfach passt und von der Gesamtabstimmung des großen Jaguars extrem gut gepuffert wird.

Schlicht und elegant zeigt sich das Heck des Jaguar XF, dessen Rücklichter mit LED-Licht strahlen.

Schlicht und elegant zeigt sich das Heck des Jaguar XF, dessen Rücklichter mit LED-Licht strahlen.

(Foto: Holger Preiss)

Fahrspaß pur

Denn gerade im Sportmodus überzeugt nicht nur der kernige Klang des V6, sondern auch die sich nach Sekundenbruchteilen entfaltende Kraft. Mit einer unglaublichen Wucht hämmert die Automatik von ZF die Gänge rein und die 1,7 Tonnen fliegen nach vorne, dass man froh ist, durch die gut verschalte und komfortable Lederbestuhlung aufgefangen zu werden. Das Torque Vectoring verbietet zwar den Kavaliersstart, lässt aber lediglich 5,4 Sekunden vergehen, bis die digitale Tachonadel an der 100 vorbeizieht. Wer den Fuß jetzt weiter auf dem Pin lässt, wird locker die 200 überfliegen und kann auf freier Strecke mit einer Endgeschwindigkeit von abgeregelten 250 km/h über den Asphalt fliegen.

Das Ganze wird unterstützt von einer wunderbar direkt arbeitenden elektromechanischen Lenkung, die in ihrer Exaktheit stark an die des bayrischen Mitbewerbers erinnert. Dazu kommt eine Gewichtsverteilung von fast exakt 50:50, eine Sportbremsanlage und eine Fahrwerksabstimmung, die es zulassen, die Limousine mit einer Länge von 4,95 Meter untypisch flott durch die Kurven zu jagen. Das alles wird freudvoll vom V6-Sound und dem sportlichen Klacken der Wandlerautomatik orchestriert. Wer allerdings mit schwerem Fuß über lange Distanzen eilt, muss sich von den Verbrauchsangaben im Datenblatt verabschieden. Statt der angegebenen 8,3 Liter werden jetzt 13 Liter konsumiert. Nach etwa 450 Kilometern verlangt die Katze dann nach neuem Treibstoff. Angenehm hierbei, dass der V6 auch mit dem marginal preiswerteren E10 zufrieden ist, was bei einem 74 Liter fassenden Tank immer noch rund 100 Euro sind.

Der V6 leistet im Jaguar XF dank Kompressoraufladung 340 PS und generiert 450 Newtonmeter Drehmoment.

Der V6 leistet im Jaguar XF dank Kompressoraufladung 340 PS und generiert 450 Newtonmeter Drehmoment.

(Foto: Holger Preiss)

Natürlich bietet der Fahrmodischalter neben Sport, Normal und Schnee auch Eco an. Diese Einstellung macht die Katze handzahm und lässt den Verbrauch bei sanftem Glitt deutlich sinken. Mit knapp 9,8 Litern muss aber auch hier gerechnet werden, was mit Blick auf die Leistungsausbeute und das Gewicht in Ordnung geht.

Fluch und Segen der Assistenten

Was allerdings nicht in Ordnung geht, ist der Umstand, dass das Navigationssystem für seine Angaben zur Verkehrslage zwingend eine SIM-Karte benötigt. Klar, dann gibt es die Anzeige in Echtzeit und noch einen ganzen Sack anderer Features. Wer allerdings darauf verzichtet oder aus technischen Gründen keinen Empfang hat, ist aufgeschmissen. Für den gibt es nicht mal mehr die sich unter anderem aus den Radionachrichten generierenden Verkehrsinfos über den Traffic Message Channel (TMC). Ebenso unmöglich ist es, das Smartphone über Apple CarPlay oder Android Auto zu koppeln. Jaguar legt hier Wert auf seine eigene App. Die bietet auch ein Navi, die Kartendaten müssen aber zusätzlich gekauft werden. Ein Umstand, der kaum einem zu erklären ist, wenn er schon für das interne Navi zusätzlich 1122 Euro berappt hat.

Der Innenraum des Jaguar XF hat etwas sehr Individuelles. Das fängt bei dem sich versenkenden Drehregler für die Gangwahl an und hört mit sich öffnenden und schließenden Lüftungsdüsen auf.

Der Innenraum des Jaguar XF hat etwas sehr Individuelles. Das fängt bei dem sich versenkenden Drehregler für die Gangwahl an und hört mit sich öffnenden und schließenden Lüftungsdüsen auf.

(Foto: Holger Preiss)

Apropos, natürlich hat Jaguar seiner edlen Katze auch eine kleine Armada an Assistenzsystemen an die Hand gegeben. Mit dabei im Testwagen ein Spurhaltewarner, ein Totwinkelassistent und ein adaptiver Tempomat, der im Zusammenspiel mit dem Abstandsradar für entspanntes Fahren auf längeren Autobahnpassagen sorgte. Blöd nur, dass das System erst ab 30 km/h aktiviert werden kann. Wer sozusagen im Handbetrieb in den Stau gerät, muss auf den auch im Stop-and-Go funktionierenden Assistenten verzichten. Wer allerdings mit aktiver Automatik unterwegs ist, der kann selbstredend die kleinen Helferlein den ungeliebten Stop-and-Go-Verkehr durchfahren lassen.

Ganz hervorragend und ohne Komplikationen funktioniert das erweiterte Parkhilfe-Paket, das aber für zusätzlich 2561 Euro in der Optionsliste gebucht werden muss. Wer es dann aber hat, kann das fünf Meter Schiff akkurat in Quer- und Längsparklücken schieben und wieder herauszirkeln lassen. Zugegeben ein für Sportwagenfahrer sehr unmännliches Verhalten, dass der Autor aber inzwischen zu schätzen gelernt hat. Verhindert es doch nicht nur ein falsches Augenmaß bei der Parklückensuche, sondern auch unschöne Markierungen an den Felgen durch hohe Kantsteine. Was umso mehr schmerzt, wenn es sich um 2244 Euro teure 20-Zöller handelt, die dem XF angeschnallt werden können und die das ausgesprochen stimmige äußere Bild der Katze noch einmal deutlich aufwerten.

Die Ledersitze im Jaguar XF sind straff und komfortabel, bieten zudem einen ausgezeichneten Seitenhalt.

Die Ledersitze im Jaguar XF sind straff und komfortabel, bieten zudem einen ausgezeichneten Seitenhalt.

(Foto: Holger Preiss)

Kein Preisbrecher

Aufgewertet wird auch der Innenraum in der Ausstattungslinie Portfolio. Nicht nur die Bestuhlung mit Windsor-Leder, die Paneele in Pianolack oder das ebenfalls mit Leder überzogene Dashboard, auch die Ambientebeleuchtung und eine Soundanlage mit 380 Watt sorgen für Wohlbehagen. Wobei bereits eine weitere Häkchenflut in der Optionsliste droht. Das Klangsystem schlägt mit 633 Euro zu Buche, die Edelstahlpedalerie kostet zusätzlich 204 Euro, das Panoramaschiebedach 1275 Euro, das InControl Connect-Paket mit Wi-Fi Hotspot, Apps und den Remote Premium Dienst mit drei Jahren Gültigkeit wird sogar mit 2561 Euro berechnet. Dafür verschwinden bei dieser Investition auch die analogen Rundinstrumente und weichen einer komplett digitalen Darstellung. Die ändert dann auch im Sportmodus die Farbe von Blau zu Rot und Tacho und Drehzahlmesser wechseln die Plätze. Sämtliche Daten, angefangen vom Telefondaten, Radioeinstellungen oder Navi-Informationen, sind dort ablesbar. Das alles ist modern, schick und zeitgemäß, lässt den Einstiegspreis des Testwagens aber auch von 68.410 Euro auf 81.021 Euro steigen.

Mit dem Preis muss sich der Käufer letztlich arrangieren, denn auch ein Mercedes E 400 oder ein BMW 535i sind kaum billiger, könnten mit Blick auf die Ausstattung sogar etwas teurer werden. Auch was das Platzangebot angeht, muss sich der Brite hinter der deutschen Konkurrenz nicht verstecken. Allerdings ist die Philosophie auf den vorderen Plätzen doch etwas unterschiedlich. Der XF setzt hier auf sportliche Enge, ohne dabei dem Piloten Platz oder gar den Atem zu rauben. In der zweiten Reihe geht es, wie bei den Mitbewerbern gewohnt, großzügig zu. Erstaunlich hierbei, dass sich auch größere Fondpassagiere trotz der abfallenden Dachlinie nicht den Kopf rammen. Um das zu vermeiden, hat Jaguar die Sitzbank recht tief gebaut, was dem Komfort aber keinen Abbruch tut. Das einzige was hier bemängelt werden könnte, ist der Umstand, dass es für die zweite Reihe keine USB-Anschlüsse gibt. Im XF befinden sich zwei lediglich im Fach der Mittelarmlehne.

Der Kofferaum des Jaguar XF fasst 540 Liter, die Entriegelung der im Verhältnis 40/20/40 zu teilenden Rückbank erfolgt über Bowdenzüge.

Der Kofferaum des Jaguar XF fasst 540 Liter, die Entriegelung der im Verhältnis 40/20/40 zu teilenden Rückbank erfolgt über Bowdenzüge.

(Foto: Holger Preiss)

Ein letztes Wort soll mit dem Blick in den Kofferraum verloren werden. Mit 540 Litern Kofferraumvolumen fährt der XF gleichauf mit der E-Klasse Limousine und hat 20 Liter weniger als der BMW 535i. Dass der Kofferraum über der Achse leicht ansteigt, stört kaum und die weit aufschwingende Heckklappe sorgt dafür, dass die Beladung mit Koffern und Taschen problemlos vonstatten gehen kann. Was den XF allerdings deutlich von der deutschen Premiumkonkurrenz unterscheidet, ist das System zum Umlegen der Rückenlehnen der zweiten Reihe.

Hier sorgt nicht etwa ein dezent verbauter Knopf in den Seitenwänden des Gepäckabteils für die Entriegelung, sondern jeweils ein Bowdenzug, der unterhalb der Hutablage endet. Ein Umstand, der schon im Jaguar XE nicht gefiel, im hochpreisigen XF noch unangenehmer aufstößt. Allerdings muss sich mit diesem Umstand niemand auseinandersetzen, der sich für einen Jaguar XF Sportbrake entscheidet. Den wird es nämlich in Kürze wieder geben, haben die Briten auf dem Autosalon in Paris angekündigt.

Fazit: Mit kleinen Einschränkungen ist der Jaguar XF ein echter Konkurrent für die deutsche Konkurrenz. Optisch als auch fahrtechnisch ist der Brite angenehm ausgewogen, was die Feinheiten der Assistenten betrifft, muss vielleicht noch ein wenig nachgeschärft werden, vor allem bei der Verkehrszeichenerkennung hatte das System ab und zu einige Probleme. Nichts zu bemängeln gibt es beim Platzangebot oder beim Komfort des Briten. Hier bewegt er sich durchaus auf Augenhöhe. Wer also Wert auf etwas Extravaganz legt und sich nicht für das Naheliegende entscheidet, fährt mit dem XF sehr gut.

DATENBLATTJaguar XF 35t AWD
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,95/ 1,99/ 1,46 m
Radstand2,97 m
Leergewicht (DIN)1710 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen540 Liter
MotorV6 mit 2995 ccm Hubraum und Twin-Vortex-Kompressor
Getriebe8-Gang-Wandlerautomatik von ZF
Systemleistung250 kW / 340 PS bei 6500 U/min
KraftstoffartSuper
AntriebAllradantrieb
Höchstgeschwindigkeit250 km/h
Tankvolumen74 Liter
max. Drehmoment450 Nm / bei 4500 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h5,4 Sekunden
Normverbrauch (außerorts/innerorts/kombiniert)6,7 / 11,9 / 8,6 l
Testverbrauch12,8 l
Wendekreis11,6 m
CO-Emission204 g/km
Grundpreis68.410 Euro
Preis des Testwagens81.021 Euro

Quelle: n-tv.de


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