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Ein echter Sportler Seat Leon Cup Racer - pures Adrenalin

Von Holger Preiss

Gebaut für die TCR-Serie ist der Seat Leon Cup Racer ein echter Kampfsportler.

Gebaut für die TCR-Serie ist der Seat Leon Cup Racer ein echter Kampfsportler.

(Foto: Seat)

Man kann Sportwagen mit bis zu 600 PS über den Rundkurs jagen und dabei jede Menge Spaß haben. Das ist aber kein Vergleich zur Fahrt in einem Seat Leon Cup Racer, wie n-tv.de in einem Selbstversuch feststellen durfte.

Seat galt den Spaniern schon immer als sportliche Marke. Und das aus gutem Grund. Schließlich ist das Unternehmen bereits seit mehr als 60 Jahren im Motorsport unterwegs. Zwischenzeitlich war sie sogar so sportlich, dass die Fahrer eines Seat per se als Raser abgestempelt wurden. Aber das ist inzwischen mehr als 30 Jahre her. Unterdessen hat sich das Image gewandelt. Weit über das Portfolio von sportlichen Fahrzeugen bietet Seat im Verbund mit Volkswagen alles an, was sich Autofahrer wünschen. Dennoch, die sportliche Ausrichtung ist Seat nicht abhandengekommen. Und das ist auch gut so, denn wer als Autobauer emotionalisieren will, tut gut daran, sich auch mit einem entsprechenden Fahrzeug im Markt zu platzieren. Ein Umstand, den asiatische Hersteller viel zu lange verschlafen haben und der jetzt mit viel Aufwand nachgeholt werden muss.

Die 2.0 Liter Vierzylinder stammen aus der Serie und erhalten in Martorell ihre Leistungssteigerung auf 350 PS.

Die 2.0 Liter Vierzylinder stammen aus der Serie und erhalten in Martorell ihre Leistungssteigerung auf 350 PS.

(Foto: Holger Preiss)

Anders bei Seat. Hier wurde bereits früh darauf geachtet, dass sportlich ausgerichtete Varianten der Alltagsautos im Programm sind. In Hoheitszeichen gelesen heißt das: FR oder Cupra. Aber es gibt noch eine andere Abteilung, die im spanischen Martorell sitzt und sich ausschließlich mit der Verwandlung von Serienautos in echte Rennsportwagen beschäftigt: Seat Sport. Neben den eigentlichen Produktionsstätten werden in wenigen kleinen Hallen von 65 Mitarbeitern - natürlich in Handarbeit - Seat Leons zu echten Cup Racern umgeformt. Allerdings schickt auch eine andere VW-Tochter ihre Fahrzeuge für den Kundensport nach Martorell: Audi. Und selbst die große Mutter lässt in Spanien umrüsten.

Kostenoptimierung ist wichtig

Seit 2014 hat Seat Sport 400 Serienfahrzeuge in waschechte Rennmaschinen verwandelt, davon waren 220 Seat Leons. Allein in diesem Jahr fuhren die Sportwagen aus Martorell 230 Rennen in 25 Ländern und auf vier Kontinenten. Mit Erfolg: In den unterschiedlichsten Wettbewerben gab es 11 Siege, 15 zweite Plätze und 17 dritte. Aber so ein Cup Racer ist nicht billig. Mindestens 90.000 Euro müssen für einen solchen Boliden bereitgehalten werden. Mit einem sequenziellen Getriebe sind es sogar 115.000 Euro, dafür aber rein rechnerisch 0,3 Sekunden weniger, die man für die Runde auf dem Track braucht. Viel Geld für ein umgebautes Serienauto? Eigentlich nicht.

Jaime Puig, Leiter Seat Sport, erläutert die Arbeitsweise in Martorell.

Jaime Puig, Leiter Seat Sport, erläutert die Arbeitsweise in Martorell.

(Foto: Holger Preiss)

Um den Preis so gering wie möglich zu halten, werden die Chassis vom Hersteller genommen. Aber allein hier wird zum Beispiel die Sitzposition des Fahrers verändert. Fünf Millimeter wird dessen Sitz in die Mitte gerückt. "Tests haben ergeben", so Jaime Puig Leiter Seat Sport, "dass die Crash-Sicherheit so deutlich zunimmt." Kostenoptimierung wird beispielsweise auch bei den Standardmotoren geübt, erklärt Puige weiter. Nach der Anpassung für den Rennsport sind sie zum Beispiel immer noch in der Lage, mit Normal-Benzin zu fahren. Auch die Achsen kommen aus dem Serienbaukasten und werden für die Sportmaschinen angepasst. Insgesamt sind 1400 Arbeitsschritte notwendig und 277, bis aus einem Serien-Leon ein Cup-Racer geworden ist.

Wie fährt sich so ein Seat LCR TCR V3?

Bleibt die Frage zu klären, wie sich so ein Bolide am Ende fährt. Allein die Leistungsdaten sind beredt: Die Kraft von 350 PS wird aus dem bekannten 2.0-Vierzylinder geschöpft. Aus dem Stand geht es in 5,2 Sekunden auf Tempo 100 und wer es schafft, kann auf der Geraden bis auf 267 km/h beschleunigen. Aber das ist eher ein theoretischer Wert, dass wird einem spätestens klar, wenn man mit der Kampfmaschine auf die Rennstrecke geht. Mit Rennanzug, Helm und Handschuhen geht es zwischen den Überrollbügeln hindurch in die Karbonschale. Der Vierpunktgurt wird verzurrt und der Nackenschutz verankert.

Der Autor versucht im Seat Cup Racer, so entspannt wie möglich zu wirken.

Der Autor versucht im Seat Cup Racer, so entspannt wie möglich zu wirken.

Der Blick fällt auf ein Lenkrad, an dem zwei große und ergonomisch perfekt geformte Schaltwippen sind. Statt einer Armatur gibt es lediglich eine überblendete Digitalanzeige, die Gang und Geschwindigkeit anzeigt. Darüber das Mäusekino für den richtigen Schaltpunkt. Um sich näher mit den Knöpfen in der Mitte des Volants auseinanderzusetzen, bleibt keine Zeit. Genauso wenig wie mit der riesigen Handbremse, die es für Könner möglich macht, Kurven in der geordneten Drift zu durchfliegen. Auch auf den Renner mit sequentiellen Getriebe verzichtet der Autor und beschränkt sich lieber auf die bekannte Spielart eines 6-Gang-Doppelkupplungsgetriebes, das sich selbstredend auch manuell schalten lässt.

Purer geht ein Auto nicht ums Eck

Soweit alles normal, auch der Schalthebel zum Einlegen der Gänge wirkt vertraut, wenngleich er nicht in einem schicken Mitteltunnel verankert ist, sondern einfach aus dessen Rudiment zu ragen scheint. Also Fuß auf die Bremse, Gang über das rechte Paddle reingezogen und langsam aus der Boxengasse. Allein hier brüllt der Motor aus den Endrohren, als wolle er die Bestzeit auf dem alten Racetrack in Castelloli einfach pulverisieren. Aber so einfach ist es nicht. Die Maschine dreht am Ausgang der Boxengasse beim Tritt auf das Gaspedal so rasant aus, dass der Begrenzer den Blitzstart stoppt. Also schnell nachgeladen und ab.

Der riesige Heckspoiler sorgt für den entsprechenden Anpressdruck.

Der riesige Heckspoiler sorgt für den entsprechenden Anpressdruck.

(Foto: Seat)

Unter einem wütenden Brüllen drücken 420 Newtonmeter auf die Vorderachse und die lediglich 1190 Kilo schwere Rennrakete startet durch. Doch bereits nach den ersten links-rechts-Wechseln wird ein weiterer Unterschied zu allen bis dato gefahrenen Straßensportwagen deutlich. Es gibt keine kleinen Helferlein. Hier regelt kein ESP, ABS, ASR. Pur geht es um die Kurve und so verwundert es nicht, dass der Autor in der spitzen Rechts mit dem wuchtigen Heckspoiler auf Augenhöhe ums Eck zieht. Das mag spektakulär aussehen und den Puls nach oben treiben, würde im Rennen aber mindestens zwei bis drei Plätze kosten.

Kein Start-Ziel-Sieg

Fahrzeug eingefangen und gerettet, geht es auf die Gerade und mit Tempo 178 auf die Spitze links zu. Der erste Bremspunkt ist bei 250 Metern gesetzt. Zu früh, denkt der Autor und bleibt fest auf dem Gas. Bei 150 Metern setzt er langsam zum Bremsen an. Aber hier gibt es keinen Bremskraftverstärker. Die pure Manneskraft ist gefragt, um die 378-Millimeter-Bremsscheiben vorn und die 272er hinten in Arbeitslaune zu versetzen. Mit aller Gewalt muss auf den Pin getreten werden, dass der Ausritt nicht schon in Kurve 6 ein jähes Ende nimmt. Wieder pumpt Adrenalin und wieder sind zwei virtuelle Plätze verschenkt.

Die Vorderbremsen wirken gigantisch, sind im Rennen aber auch notwendig.

Die Vorderbremsen wirken gigantisch, sind im Rennen aber auch notwendig.

(Foto: Holger Preiss)

Ein Start-Ziel-Sieg wird das heute nicht mehr. Die nächsten Runden laufen besser: Bremspunkte rechtzeitig gesetzt. Ideallinie gesucht und ab. Jetzt merkt man auch, dass der Cup Racer ein Rennwagen ist. Da wird nicht ausgefedert, sondern an den Boden gepresst, mit leichtem Versatz um die Kurve gezogen und auf der Geraden beschleunigt. Immer leichter gelingt die richtige Kombination aus Schalten, Bremsen, Lenken und wieder Gas über die 4,140 Kilometer des Rundkurses, der nicht leicht zu lernen ist. Noch einmal bricht der Bolide aus, noch einmal wird er eingefangen, dann kommt die Fahne auf der Start-Ziel-Geraden.

Erfahrungen gewonnen

Gewonnen hat der Autor am Ende nur eine Erfahrung: Ein Seat Leon Cup Racer macht Spaß, aber es ist kein Spaß-Auto. Die Jungs, die mit diesen Maschinen echte Rennen fahren, haben es drauf. Die fahren nicht nur am Limit, sondern können es auch. Und das Auto gibt es her. Dem Wagen scheint nichts zu fehlen, um im Kundensport ganz vorne mitfahren zu können. Klar kann man sich auch für einen 115.000 Euro teureren Audi RS3 LMS entscheiden oder einen Golf GTI TCR, der das Gleiche kostet wie der Cup Racer.

Neben der Tatsache, das der Cup Racer schnell ist, sieht er auch noch richtig gut aus.

Neben der Tatsache, das der Cup Racer schnell ist, sieht er auch noch richtig gut aus.

(Foto: Holger Preiss)

Wer jetzt nicht auf einen Plauz 90.000 Euro parat hat, sich aber dennoch mal testen will, der hat auf seat-sport.com die Möglichkeit, am virtuellen Eurocup teilzunehmen. Hier werden Online-Rennen in Echtzeit ausgetragen. Der Gewinner hat am Ende die Möglichkeit, im Cockpit eines echten Cup Racers zu landen und den über den Rundkurs zu scheuchen. Und das ist schon was. "Gentlemen, start your engines."

Quelle: n-tv.de


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