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Weltpremiere des Project One Mercedes bringt die Formel 1 auf die Straße

Mercedes-Chef Dieter Zetsche und Lewis Hamilton präsentieren am Vorabend der IAA das Hypercar Project One.

Mercedes-Chef Dieter Zetsche und Lewis Hamilton präsentieren am Vorabend der IAA das Hypercar Project One.

(Foto: Holger Preiss)

Mehr Formel-1-Technik als im Project One hat es wohl nie für die Straße gegeben. Mercedes hat in das Hypercar sein ganzes Weltmeister-Wissen gepackt. Die Werte des Autos - Kraft, Beschleunigung und Preis - sind atemberaubend.

Das Hypercar von Mercedes ist seit einiger Zeit angekündigt. Soll es doch auch eine Hommage an die Sportwagenschmiede AMG sein, deren Geburtstag sich in diesem Jahr zum 50. Mal jährt. Auf der IAA lassen die Stuttgarter nun die Katze aus dem Sack und präsentieren unter dem Namen "Project One" die seriennahe Studie eines Formel-1-Rennwagens für die Straße. "Noch nie in der 50-jährigen Geschichte hat AMG ein solches Auto gebaut", frohlockt Mercedes-Chef Dieter Zetsche.

Für die Rennstrecke mit den Genen eines Formel-1-Boliden optimiert, für die Straße zugelassen.

Für die Rennstrecke mit den Genen eines Formel-1-Boliden optimiert, für die Straße zugelassen.

Und das, was da unter wütendem Getöse und von keinem Geringeren als Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton am Vorabend der 67. IAA auf die verspiegelte Drehbühne in der Festhalle der Messe Frankfurt gefahren wird, hat es in sich. Riesige Lufteinlässe erstrecken sich über die Front und geben dem Concept Car eine Optik, als wolle es die Straße nicht nur dominieren, sondern gleichsam aufsaugen. Große Lufteinlässe dominieren auch die Seitenansicht des Straßenrenners, werden aber von U-förmigen Flaps gerahmt und von je zwei schwarzen Querfinnen gegliedert. Das alles ist aber kein designtechnischer Selbstzweck, sondern hat auch einen aerodynamischen Hintergrund. Durch die schwarzen Luftauslässe in der Fronthaube wird zum Beispiel der warme Luftstrom seitlich um die Fahrerkabine geleitet, damit die Frischluft ungehindert in den Ansaugtrakt auf dem Dach gelangen kann.

Für den Anpressdruck an der Vorderachse sorgen automatisch ausfahrende Frontsplitter und aktive Lüftungsschlitze in den vorderen Radhäusern. Für bessere Kurvendynamik sorgt die elegant aus dem oberen Lufteinlass wachsende Hai-Finne auf dem Dach. Faszinierend auch das Heck. Unter der scharfen Abrisskante öffnet sich ein zweiteiliger Diffusor, der ebenfalls original den Formel-1-Boliden entlehnt wurde. Flankiert wird das Ganze von wuchtigen schwarzen Wabengittern und fetten Karbonteilen. Fast filigran wirken die LED-Rückleuchten mit jeweils drei rautenförmigen Lichtelementen, die das AMG-Logo zitieren sollen. Wer so hinter dem Boliden steht und seinen Blick nach oben schweifen lässt, kann durch die weit hinten positionierte Heckscheibe das sehen, was das Hypercar zu dem macht, was es ist: den Motor, oder wie es im Motorsport heißt, die Power-Unit.

Böse schaut das Project One mit seinen breiten Lufteinlässen und den schmalen Scheinwerferaugen.

Böse schaut das Project One mit seinen breiten Lufteinlässen und den schmalen Scheinwerferaugen.

Power Unit aus dem Formel-1-Boliden

Die stammt ebenfalls aus der Formel 1 und wurde in enger Zusammenarbeit mit den Motorsport-Experten im englischen Brixworth entwickelt. Bestimmend für den Vortrieb ist ein 1,6-Liter-V6-Hybrid Benzinmotor mit Direkteinspritzung. Zusätzlich beflügelt wird das Hochdrehzahltriebwerk durch einen Hightech-Turbolader. Abgas- und Verdichter-Turbine sind voneinander getrennt und durch eine Welle miteinander verbunden. Auf dieser Welle befindet sich ein etwa 90 kW starker Elektromotor, der je nach Betriebszustand die Verdichter-Turbine mit 100.000 Umdrehungen elektrisch antreibt – beispielsweise beim Anfahren oder nach Lastwechseln. Formel-1-Fans ist die Technik unter dem Namen MGU-H (Motor Generator Unit Heat) bekannt. Das Ansprechverhalten ist hier deutlich schneller als bei einem V8-Saugmotor. Das Turboloch – also das verzögerte Ansprechen auf Fahrpedalbefehle, bedingt durch die Trägheit des großen Laders – soll so komplett eliminiert werden.

Um das hohe Drehzahlniveau aus dem Rennsport zu gewährleisten, wurden die mechanischen Ventilfedern durch pneumatische ersetzt. Das bedeutet, dass der Mittelmotor, der vor der Hinterachse eingebaut ist, mühelos bis zu 11.000 Kurbelwellenumdrehungen pro Minute erlaubt. Ein Umstand, der für ein Straßenfahrzeug derzeit einzigartig ist. Für längere Haltbarkeit und die Verwendung von handelsüblichem Super-plus-Benzin statt Rennkraftstoff bleibt das Aggregat aber bewusst unter dem F1-Drehzahllimit. Für zusätzlichen Punch sorgen zwei Elektromotoren an der Vorderachse mit Rotorumdrehungen von bis zu 50.000 Umdrehungen pro Minute (U/min). Standard sind derzeit 20.000 U/min.

Flügeltüren und ein extrem breites und sportliches Heck zieren den Straßenboliden von Mercedes.

Flügeltüren und ein extrem breites und sportliches Heck zieren den Straßenboliden von Mercedes.

Unter sechs Sekunden auf 200 km/h

Bleibt die Frage: Wie stellt sich das alles in den Fahrwerten dar? Nun, sagen wir es so: Mercedes verzichtet bei den Beschleunigungswerten auf die Angabe zum Standardsprint, sondern benennt gleich die Zeit, die es braucht, um den Boliden aus dem Stand auf Tempo 200 zu beschleunigen. Die Rede ist von unter 6,0 Sekunden. In der Spitze sollen mehr als 350 km/h erreicht werden, was bei einer Systemleistung von mehr als 1000 PS nicht verwundert. Allerdings soll der Bolide nicht nur Sprit auf dem Rundkurs verheizen, sondern mithilfe seiner Akkumulatoren-Technik, die ebenfalls aus der Formel 1 stammt, mindestens 25 Kilometer rein elektrisch zurücklegen können. Die Kraftübertragung erfolgt über ein völlig neu entwickeltes 8-Gang-Schaltgetriebe.

Damit die Fuhre in der Spur bleibt, haben die Entwickler einen hohen Aufwand bei der Fahrwerksentwicklung betrieben. Vorn und hinten kommt eine Mehrlenkerkonstruktion zum Einsatz. Das einstellbare Gewindefahrwerk weist dabei mehrere Besonderheiten auf: Die beiden Push-Rod-Federbeine liegen quer zur Fahrtrichtung. Die innovative Anordnung der Feder-/Dämpfereinheit ersetzt die Funktion und Verwendung eines üblichen Rohr-Querstabilisators. Diese Lösung verhindert Wankbewegungen bei sehr schnellen Richtungswechseln, soll dabei aber immer noch einen gewissen Komfort liefern. Bei der Gesamtabstimmung von Federn und Dämpfern haben die Ingenieure laut AMG darauf geachtet, dass der Wagen bei aller Sportlichkeit leicht beherrschbar bleibt. Dazu tragen auch der Allradantrieb und das Torque Vectoring bei. ABS ist serienmäßig, das ESP - wie bei AMG üblich - in drei Stufen einstellbar.

Die Lichtgrafik der Heckleuchten zitiert beim Project One das AMG-Logo.

Die Lichtgrafik der Heckleuchten zitiert beim Project One das AMG-Logo.

Sitzprobe im Project One

Und wie sitzt es sich im Mercedes Hypercar? Wie in einem Rennwagen der Le-Mans-Serie! Radikaler kann man in einem Serienauto die Idee des Rundkurses kaum präsentieren. Die Schalensitze mit Mikrofaservlies sind in das Fahrgestell integriert, wobei nur die Rückenlehnen, Pedale und Lenkrad verstellbar sind, um dem Piloten die ideale Fahrposition zu geben. Jedes Detail, verspricht Mercedes, hat im Project One eine Funktion. Nichts wurde aus rein optischen Gründen gestaltet.

Der Innenraum im Project One ist nicht nur ein Zitat an die Formel 1, er funktioniert auch genauso.

Der Innenraum im Project One ist nicht nur ein Zitat an die Formel 1, er funktioniert auch genauso.

Für den Komfort abseits der Rennstrecke, aber nicht für einen visuellen Bruch sorgen die zwei hochauflösenden und freistehenden 10-Zoll-Displays, wobei einer leicht erhöht vor dem Fahrer, der andere rechts auf der Mittelkonsole fahrrelevante Daten liefert. Zur Gewichtsreduzierung wurde im Fahrzeug extrem viel Carbon verbaut. Auch bei den Innenverkleidungen der nach außen aufschwingenden Türen. Interessant ist, dass das Mittelfeld großzügig ausgeschält wurde, um mehr Platz zu schaffen. So gar nicht zum Rennwagen, aber fantastisch zu einem Alltagsauto passen die Fächer hinter den Sitzen, in denen sich kleine Utensilien verstauen lassen. Auch die Klimaanlage und die elektrischen Fensterheber sind eine Zugabe an den Komfort. Natürlich lässt sich der Bolide auch mit einem Infotainmentsystem zum rollenden Hotspot machen.

Was das Hypercar kosten wird, wenn es 2019 in der limitierten Stückzahl von 50 Exemplaren auf den Markt fährt, verrät Mercedes noch nicht. Gemunkelt wird, dass sich der Preis um 2,5 bis 2,7 Millionen Euro bewegt. Wer jetzt noch schnell einen Kredit aufnehmen will, der sei gewarnt. Ebenfalls aus der Gerüchteküche war zu hören, dass bereits alle Boliden verkauft sind. Zetsche formuliert es anders: "Wir werden einige wenige Menschen glücklich machen und viele enttäuschen."

Quelle: n-tv.de


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