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Jetzt wird’s schön sportlich! Kia zeigt mit dem Stinger echte Gefühle

Ein dynamischeres Fahrzeug als den Stinger haben die Koreaner noch nicht gebaut.

Ein dynamischeres Fahrzeug als den Stinger haben die Koreaner noch nicht gebaut.

Emotionen standen bei Kia bis jetzt nicht ganz oben im Lastenheft, die meisten Modelle überzeugen eher durch ihre praktischen Eigenschaften. Bis jetzt: Mit dem Stinger zeigen die Koreaner, dass sie auch Gefühl haben!

Keine Frage, Kia hat sich in den letzten Jahren ziemlich gemacht und eine Reihe guter Autos auf den Markt gebracht. Wirklich aufregend sind allerdings nur die wenigsten: Picanto, Rio, und Optima, Sportage und Sorento und erst recht den Carens trifft eine Beschreibung am besten: grundsolide. Emotionen kamen zum ersten Mal, wenn auch recht verhalten, beim Hybrid-SUV Niro ins Spiel, und auch der gerade erst vorgestellte Stonic versucht mit bunten Farben und bulliger Optik bei den Käufern Gefühle zu wecken, die diese direkt ins Autohaus führen sollen. Den richtigen Wow-Effekt hat aber erst der neue Stinger, der ab Ende Oktober bei den Händlern steht.

Vor allem der mit dem 3,3-Liter-V6 überzeugt der Kia Stinger.

Vor allem der mit dem 3,3-Liter-V6 überzeugt der Kia Stinger.

(Foto: Michael Gebhardt)

Erster Ausblick vor sechs Jahren

Bis die Marke reif war für eine Sportlimousine wie den Stinger, musste einige Zeit vergehen. Vor elf Jahren übernahm Chef-Designer Peter Schreyer das Kreativ-Ruder in Seoul und zeigte schon 2011 mit dem Concept-Car GT, wie er sich das, was jetzt Stinger heißt, vorstellen könnte. Die Studie war ein voller Erfolg, und sammelte auf der Messe in Frankfurt viele "Ooohs" und "Aaahs". "Bitte so bauen!", skandierten die Kia-Jünger einstimmig, doch die oberste Konzernführung in Korea brauchte etwa länger, ehe Schreyer ihr das Go für den Stinger abringen konnte. Bereuen wird Firmen-Chef Hyoung-Keun Lee seine Entscheidung sicher nicht. Die Limousine ist genau das richtige Auto zur richtigen Zeit.

Im Grunde geht Kia damit den gleichen Weg, wie Hyundai mit seinem Performance-Modell i30 N. Albert Biermann, der von der Münchner M GmbH nach Seoul gewechselte Sportdirektor, hat das kürzlich so erklärt: "In den 90ern hat Hyundai versucht über den günstigen Preis in den Markt zu kommen, seit Anfang der 2000er punkten wir auch mit ordentlicher Qualität und nochmal zehn Jahre später kam ein gefälliges Design dazu. Nun ist es eben Zeit, auch in Sachen Leistung ein Zeichen zu setzen." Das macht Kia mit dem Stinger, wenngleich die Limousine freilich kein Leichtathlet vom Schlage eines Golf GTI ist. Aber: 370 PS und ein Höchstgeschwindigkeit von 270 km/h sind eine unmissverständliche Ansage.

Der Innenraum des Kis Stinger entfacht kein emotionales Feuerwerk, überzeugt aber durch gute Verarbeitung und Materialwahl.

Der Innenraum des Kis Stinger entfacht kein emotionales Feuerwerk, überzeugt aber durch gute Verarbeitung und Materialwahl.

(Foto: Michael Gebhardt)

Kräftig, aber unaufgeregt

Die Kraft entspringt einem doppelt aufgeladenen 3,3-Liter-V6 und wird standardmäßig an alle vier Räder geschickt. Drückt man das Gaspedal forsch durch, fallen die schon bei extrem niedrigen 1300 Touren anliegenden 510 Newtonmeter spontan über die Kurbelwelle her und der Tacho im serienmäßigen Head-up-Display zeigt nach nur 4,9 Sekunden Tempo 100 an. Wer ob der ausdrucksstarken Optik des Stingers allerdings einen spektakulären Kavalierstart erwartet, wird enttäuscht. Statt eines kräftigen Tritts in den Rücken, nach dem man den Dackel auf der Rückbank aus den Polsterritzen ziehen muss, legt der Stinger überraschend unaufgeregt, ja vielleicht sogar unspektakulär los: die Vierradtechnik vermeidet auf der Geraden jeglichen Schlupf, das Triebwerk gibt seine Power gleichmäßig wie ein Schweizer Uhrwerk ab und die bei allen Stingern verbaute Achtgang-Automatik arbeitet sehr gelassen. Kraftvoll, aber ohne großes Getöse nimmt der Kia Fahrt auf, die Geräuschkulisse ist relativ verhalten, das Aggregat erstaunlich gut gedämmt. Nur im Sportmodus darf der Stinger etwas lauter knurren, allerdings unterstütz ihn hierbei ein Soundgenerator, der wie so oft einen etwas künstlichen Klang in die Freiheit entlässt,

Was für den Antrieb gilt, trifft auch auf das Fahrwerk zu: Der Koreaner ist gut austariert, hält auch im kurvigen Geläuf tadellos die Balance, ist absolut berechenbar. Schon im bequemen Komfort-Modus sind hohe Kurvengeschwindigkeiten kein Problem. Artig lenkt der 4,83 Meter lange Viertürer ein und folgt ohne Abweichungen der vorgegebenen Linie. Im Sportmodus wird wie üblich die präzise Lenkung etwas direkter, die Gasannahme schärfer, und auch die Dämpfer verhärten sich. Das reduziert die Karosseriebewegungen merklich, macht den Kia aber bei weitem nicht zu einem knochentrockenen Sportler. Selbst jetzt federt der sportliche Koreaner die meisten Unebenheiten noch anstandslos weg.

Im Fond des Kia Stinger finden auch Menschen über 1,90 Meter Körpergröße ausreichend Platz.

Im Fond des Kia Stinger finden auch Menschen über 1,90 Meter Körpergröße ausreichend Platz.

(Foto: Michael Gebhardt)

Benziner und Diesel mit vier Zylindern

Wer meint, der 54.900 Euro teure Sechszylinder, der in der nahezu komplett bestückten GT-Ausstattung vorfährt und vom Abstands-Tempomat bis zum LED-Licht, vom Harmann-Kardon-Soundsystem bis zur induktiven Ladeschale, von der Lenkradheizung bis zu den belüfteten Sitzen so gut wie alles hat was das Herz begehrt, der kann natürlich auch downgraden. Mit dem 2.0 T-GDI findet er eine günstigere Alternative. Der nur als Hecktriebler erhältliche Vierzylinder startet bei 43.990 Euro und ist mit 255 PS sicher nicht untermotorisiert. Wenn allerdings schon der V6 mehr Gentleman als Rabauke ist, kann man sich vorstellen, dass der Einstiegs-Otto den 1,8 Tonnen Stinger nicht energischer bewegt. Sechs Sekunden von Null auf hundert und 240 km/h dürften den meisten Interessenten aber vollends genügen. Und Spaß kann der Vierzylinder auch bereiten. Allerdings merkt man bei ihm, dass die von Kia selbst entwickelte Automatik nicht die schnellste auf dem Markt ist. Während der Sechszylinder die Gedenksekunde mit seinem massiven Drehmoment gekonnt überspielt, dauert es beim Zweiliter einen kleinen Augenblick, bis nach dem Kickdown die 353 Newtonmeter zuschlagen. Und: Statt des künstlichen Kraftgebrabbels dringt beim Vierzylinder unter Volllast ein etwas gequältes Brummen unter der Motorhaube hervor.

Dritter im Bunde ist ein 200 PS starker Vierzylinder-Diesel, der ab 46.990 Euro wahlweise mit oder ab 44.990 Euro ohne Automatikgetriebe bestellt werden kann. Die Kia-Strategen sehen den 2,2-Liter zukünftig an der Spitze der Verkäufe, fast 60 Prozent sollen sich für den gleichermaßen leisen wie zahmen Selbstzünder entscheiden. Ob diese Vorhersehung so eintritt, bleibt abzuwarten, schließlich erfüllt das Triebwerk weder die neueste Ausbaustufe der Euro-6-Norm noch hilft eine AdBlue-Einspritzung beim Reinigen der Abgase. Wer also nicht vorhat mit seinem Stinger unendlich viele Kilometer abzureißen, und auf den niedrigen Verbrauch von 5,6 Litern angewiesen ist, findet im Einstiegs-Otto eine unterhaltsgünstige Alternative: Den Verbrauch für den kleinen Benziner gibt Kia mit 7,9 Litern an. Der V6 dagegen schluckt schon auf dem Papier unzeitgemäße 10,6 Liter!

Der Kofferraum ist mit 406 Litern recht knapp bemessen.

Der Kofferraum ist mit 406 Litern recht knapp bemessen.

(Foto: Michael Gebhardt)

Wichtig nur: Wer zum kleinen Benziner greift, darf nicht vergessen, die Rundum-Kamera zu bestellen – ohne die macht das Rangieren ob der eingeschränkten Sicht wenig Spaß. Nur: Die Kamera kommt im 2400 Euro teuren Technology-Paket mit Querverkehrwarner, Spurwechselassistent, Totwinkelwarner und dem adaptiven Fahrwerk, setzt allerdings das Exclusive-Paket voraus: Darin sind unter anderem das Soundsystem, das LED-Licht, die elektrische Heckklappe und die Sitzlüftung enthalten. Kostenpunkt: weitere 2900 Euro. Macht zusammen 4300 Euro, die den Preisvorteil von knapp 11.000 Euro gegenüber dem Allrad-V6 doch deutlich schmelzen lassen. Der eine oder andere dürfte in Anbetracht dessen vielleicht doch gleich zum Top-Modell greifen!

Schlicht, aber funktional

Starke Motoren, starkes Blechkleid – bleibt noch das Interieur: Das ist wie bei allen Kia-Modellen eher zurückhaltend gestaltet und dürfte wohl nur wenigen Fahrern ein verblüfftes Staunen entlocken. Aber: Die Verarbeitung ist tadellos, die Materialen bis auf wenig Ausnahmen einwandfrei und die Bedienbarkeit bestens. Während man bei vielen Herstellern immer wieder mal den einen oder anderen Taster sucht, oder kleinere bis größere Kämpfe mit dem Infotainment – und insbesondere der beim Kia stetes serienmäßigen Navigation – ausficht, läuft beim Stinger alles Reibungslos.

Dazu kommen feine, immer mit Leder bezogene und beheizbare Sessel, die sich während der ersten Testrunde schon für die Langstrecke empfehlen konnten. Das Beste: Selbst im Fond lässt es sich mit knapp zwei Metern Länge bequem reisen. Nur für das Gepäck wird es etwas eng: 406 Liter gehen in der Standardkonfiguration in das wegen der stark abfallenden Dachlinie recht flache Ladeabteil. Zum Glück aber lassen sich die hinteren Sitze flach legen, was das Gepäckabteil auf immerhin 1114 Liter wachsen lässt. Aber ganz ehrlich: Praktische Autos hat Kia schon genug im Angebot – jetzt war es wirklich mal Zeit für was Schönes!

Quelle: n-tv.de

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