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Von Osten nach Westen Chinesen fahren auf der IAA vor

Mit dem XEV gibt der chinesische Premiumhersteller Wey einen Ausblick, wie er in den kommenden Jahren der deutschen Konkurrenz in die Parade fahren möchte.

Mit dem XEV gibt der chinesische Premiumhersteller Wey einen Ausblick, wie er in den kommenden Jahren der deutschen Konkurrenz in die Parade fahren möchte.

(Foto: Michael Gebhardt)

Viele Traditionshersteller sind der IAA ferngeblieben, dafür kamen ein paar neue aus China hinzu. Sie wollen über kurz oder lang in Europa starten. Den Anfang macht Borgward noch dieses Jahr - mit einem geschickten Schachzug.

VW Polo und T-Roc, Hyundai i30 Fastback und Opel Grandland X, BMW X7 und Bentley Continental: Viele Hersteller auf der Internationalen Automobil Ausstellung (IAA) hatten ihre Neuheiten schon vorgestellt, ehe die Messe überhaupt ihre Pforten öffnete. Manch andere machten wiederum auf sich aufmerksam, weil sie der Messe gänzlich fernbleiben: Volvo und Nissan, Aston Martin, Fiat, Jeep und Alfa Romeo, Peugeot und DS und auch Tesla haben entschieden, sich die immensen Kosten für einen Stand auf der Frankfurter Messe zu sparen. Freier Platz, den sich unter anderem ein paar chinesische Marken geschnappt haben, von denen man hierzulande zuvor (noch) kaum etwas gehört hat.

Den P8 hat Wey als Hybrid in China bereits am Start.

Den P8 hat Wey als Hybrid in China bereits am Start.

(Foto: Michael Gebhardt)

Premium für jedermann

Da ist zum Beispiel die neue Premium-Tochter des chinesischen Auto-Giganten Great Wall Motors, die mit einem hehren Ziel antritt: Keinen Geringeren als Audi, BMW und Mercedes will Konzernchef Jianjun Wei, der nicht nur zufällig so heißt wie die neue Nobelmarke aus Fernost, mit seinen Produkten VV7, VV5 und P8 in die Parade fahren. Premium-Autos für alle will der Mann demnächst auch in Europa anbieten. Unterstützung hat sich Wei dabei von Ex-Audi-Entwickler Jens Steingräber geholt, den er zum CEO machte. Für das Design seiner SUV-Modelle zeichnet Pierre Leclercq verantwortlich, der zuvor bei BMW an X5 und X6 mitgearbeitet hat. Neben den drei erwähnten Serienfahrzeugen steht vor allem die Studie XEV im Mittelpunkt des Wey-Messestands.

Allerdings vermittelt das seit April in China käuflich zu erwerbende Modell VV7 einen sehr soliden Eindruck. Zum einen hat es ein eigenständiges Design, zum anderen erfreut es im Innenraum durch eine hochwertige Verarbeitung. Da sieht und fühlt man keine billige Plastik. Drehregler und Knöpfe haben angenehme Druckpunkte, die Lüftungsdüsen laufen über ein sanftes Raster. Sitze, Armatur und Türinnenverkleidungen sind beledert. Premium eben, wie man es auch hierzulande von Audi, Mercedes und BMW kennt. Und auch bei den technischen Daten macht Wey beim VV7 keine Kompromisse. Unter der Haube arbeitet ein 2.0-Liter-Turbobenziner mit einer Leistung von 234 PS, der 360 Newtonmeter auf beide Achsen schaufelt. Der Sprint auf Tempo 100 ist in 9,8 Sekunden erledigt und in der Spitze bewegt das Triebwerk den VV7 bis 205 km/h.

Mit einem konventionellen Verbrenner fährt der Wey VV7.

Mit einem konventionellen Verbrenner fährt der Wey VV7.

(Foto: Holger Preiss)

XEV ist die Zukunft

Einen Ausblick auf das, was Wey für die Zukunft plant, gibt das zweitürige Concept Car XEV. Es sieht ein bisschen wie eine Design-Mischung aus Peugeot und Kia aus und vor allem der ausgeprägte Bürzel am Heck ist sicher ein wenig gewöhnungsbedürftig. Wichtiger als die Optik, ist aber die Technik: Natürlich fährt der XEV rein elektrisch vor, mit – zumindest auf dem Papier – beeindruckenden Werten: 0 auf 100 soll der Wey mit seinem 253 PS starken E-Motor in 4,6 Sekunden schaffen, maximal kann er 160 km/h schnell stromern. Im Idealfall kommt das SUV 530 Kilometer weit, bevor es über einer Ladeplatte parken muss.

Das sogenannte Matrix-Charging-System soll das Auftanken mit Elektronen deutlich vereinfachen. Statt das lästige Kabel einzustöpseln oder punktgenau über einer Induktionsladefläche anhalten zu müssen, reicht es, den XEV über dem gut 50 mal 50 Zentimeter großen Matrix-Charger abzustellen, mit dem sich das Auto selbst durch eine Art Saugrüssel verbindet. Geladen wird optional mit 22 kW und Wechselstrom oder mit 43-kW-Gleichstrom. Theoretisch soll der XEV auch völlig selbstständig unterwegs sein, per Tastendruck fährt dann sogar das gesamte Armaturenbrett zurück und ein großes Entertainment-Display sorgt für die Unterhaltung der Passagiere.

Matrix-Charger soll den Wey XEV mit Strom versorgen, wenn der Akku alle ist.

Matrix-Charger soll den Wey XEV mit Strom versorgen, wenn der Akku alle ist.

(Foto: Holger Preiss)

Solide SUV-Technik von Chery

Während eine Serienfertigung des Wey XEV - wenn überhaupt - noch weit entfernt ist, stellt Chery in Frankfurt ein marktreifes SUV vor, das in den kommenden Jahren auch seinen Weg nach Europa finden soll: Der solide gebaute und gefällig gezeichnete Exeed beherrscht zwar die gängigen Fahrfunktionen wie Spurhalter, Tot-Winkel-Warner und Bremsassistent, braucht anders als der Wey XEV aber immer einen Fahrer. Und auch beim Antrieb zeigt sich der Chery noch konventionell: Zwei Benzinmotoren mit bis zu 200 PS sind vorgesehen, die wahlweise nur die Vorder- oder alle Räder antreiben.

Für den Start in Europa planen die Techniker allerdings eine Hybrid-, Plug-in- und batterieleketrische Version. Der PHEV soll bis zu 70 Kilometer weit elektrisch fahren können – und zumindest auf den ersten 100 Kilometern nur 1,8 Liter Sprit verbrennen. Wie Wey setzt auch Chery bei der Entwicklung seines neuen Modells auf Schützenhilfe aus der alten Auto-Welt: Unter anderem kommt die elektrische Lenkung von Bosch, die Federung von Benteler, das ESP von Mando und die Reifen von Conti.

Das Heck des Wey XEV ist gewöhnungsbedürftig.

Das Heck des Wey XEV ist gewöhnungsbedürftig.

(Foto: Holger Preiss)

Borgward startet noch 2017

Die "alte Welt" hat ihre Finger auch noch bei Borgward im Spiel. Eigentlich hatte der ehemals Bremer Autobauer, der in China mit seinen SUV-Modellen BX5 und BX7 bereits erfolgreich gestartet ist, angekündigt, den Weg nach Europa nur mit Elektro-Modellen zu gehen. Das geht allerdings nicht, wenn der Hersteller sein Versprechen halten will, noch 2017 ein Auto auch in Deutschland anzubieten. Also kommt der BX7 TS erstmal auch mit Benziner zu uns – und zwar über Sixt. Borgward nutzt den Vermiet-Profi als Händler und ATU übernimmt die Wartung.

Kein ungeschickter Schachzug, schließlich ist der Aufbau eines eigenen Händlernetzes ein enormer Kraftakt. Energie, die Borgward besser in die Serienreife der ebenfalls in Frankfurt gezeigten Elektro-Version BXi7 steckt, die nun 2019 folgen soll. Dann könnte vielleicht auch das neue Werk am alten Heimat-Standort in Bremen seine Arbeit aufnehmen. Dass die chinesischen Eigner Wert auf Tradition legen, zeigen sie auch mit der Isabella-Studie, die mit ihrem fließenden Dach durchaus an das Vorbild aus den 1950er-Jahren erinnert. Den Antrieb der Studie übernimmt ein 300 PS starker E-Motor, die Reichweite liegt bei 400 Kilometern. Ob der Viersitzer je in Serie geht, ist allerdings offen.

Borgward geht mit dem BXi7 in Europa an den Start.

Borgward geht mit dem BXi7 in Europa an den Start.

(Foto: Michael Gebhardt)

Bis zu 250 elektrische km/h

Mehr oder weniger marktreif ist dagegen der Thunder Power TP-01 – auch wenn die Limousine, die vor zwei Jahren auf der IAA als Studie debütierte, noch immer eine Art Tarnfolie trägt und offiziell als Vorserie deklariert ist. Das in Hongkong ansässige Unternehmen hat sich beim Design Hilfe von italienischen Kreativschmiede Zagato geholt, die dem Viertürer einen ziemlich barocken Hüftschwung gezeichnet hat, der ein wenig an Infiniti erinnert. Die gleiche Formensprache trägt auch das nun in Frankfurt enthüllte SUV-Concept-Car.

Bei den technischen Daten geben sich die Chinesen selbstbewusst: Eine 125-kWh-Batterie soll den Thunder-Power-Modellen, die wohl zum Marktstart 2019 im Reich der Mitte noch einen etwas griffigeren Namen bekommen werden, zu 650 Kilometern Reichweite verhelfen; maximal sollen SUV und Limousine 250 km/h schnell werden. Wie weit man allerdings kommt, wenn man mit dem TP-01 Vollstrom fährt, ist fraglich. Denn auch die Chinesen haben kein Patentrezept gegen den exorbitant ansteigenden Strom-Verbrauch jenseits der Richtgeschwindigkeit im Ärmel – oder sie verraten es noch nicht.

Quelle: n-tv.de

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